Ethnographie

Definition: 

Ethnographie ist eine Methode der Ethnologie und übergeordnet der Anthropologie.

Erforscht werden soziale und ethnische Gruppen, Institutionen und einzelne Personen in ihrer natürlichen Umgebung mit dem Ziel einer möglichst ganzheitlichen Erfassung des Untersuchungsgegenstands.

Das Kernelement dieser Methode ist die teilnehmende Beobachtung, d.h. der Forscher nimmt aktiv am Leben der Untersuchten teil.

Ethnographie ist eine qualitative Forschungsmethode, die durch partizipierende Beobachtungen im unmittelbaren natürlichen, sozialen Umfeld des Untersuchungsgegenstands Erkenntnisse generiert.

„Der Ethnograph nimmt offen oder verdeckt für eine längere Zeit am täglichen Leben der Menschen teil, beobachtet dabei, was passiert, hört zu, was gesagt wird, stellt Fragen: eigentlich sammelt er alles, was auch immer an Daten verfügbar ist, um das Thema, mit dem er beschäftigt ist, näher zu beleuchten“.  (Hammersley, Atkinson 1983)

Ethnographische Forschung eröffnet die Chance, den komplexen, evolvierenden Charakter von Arbeitstätigkeiten im Kontext zu verstehen.

In der Ethnographie werden immer auch anderen Erhebungsverfahren mit den teilnehmenden Beobachtungen gekoppelt.

Der wesentliche Unterscheid zwischen Fallstudie und Ethnographie ist der sehr  hohe Umfang, in dem sich der Forscher in das untersuchte soziale Umfeld integriert.

 

Typen von Ethnographien

Bei der Recherche stellte sich heraus, dass die Typen von Ethnographien nicht einheitlich sind.

Michael D. Myers hat in seiner Artikel „Investigating information systems with Ethnographic Research“ vom Dezember 1999, drei Typen von Ethnographie unterschieden:

  1. Kritische Ethnographie: Hier geht es darum, Missstände zu identifizieren (Unterdrückung, Ungleichheit, Benachteiligung usw.) und Modifikationen bzw. Verbesserungen der vorgefundenen Situationen vorzuschlagen.
  2. Holistische Ethnographie: Integration in die zu betrachtende Gruppe. D.h. der Forscher muss sich mit der Gruppe identifizieren und deren Sichtweise annehmen.
  3. Semiotische Ethnographie (engl.: „Thick Description“): Untersuchung der durch die Menschen verwendeten, symbolischen Repräsentationen – Wörter, Bilder, Verhalten – und deren Analyse in Bezug zueinander und auf ihre Gesamtheit.

Weitere Typen der Ethnographie existieren in den Bereichen der technologischen Systementwicklung:

  1. Schnelle und ungenaue Ethnographie (engl.: Quick and Dirty Ethnography): Ein breiter Überblick mit paralleler „ungenauer“ Auswertung wird so schnell wie möglich verschafft.
  2. Simultane Ethnographie (engl. Concurrent Ethnography): Die Forscher und Entwickler arbeiten nebeneinander und die Forscher gehen den Fragen nach, die die Entwickler genauer interessiert.
  3. Evaluative Ethnographie (engl. Evaluative Ethnography): Ethnographie, die auf die Bewertung fertiger Artefakte basiert

 

Einordnung in das Methodenprofil der Wirtschaftsinformatik

Quelle: HESS Arbeitsbericht 2/2006

Abbildung 1: Einordnung in das Methodenprofil der Wirtschaftsinformatik

 

In Abbildung 1 ist die Ethnographie als qualitative Methode in der Dimension „Formalisierungsgrad eingeordnet weil:

  1. das Erkenntnisinteresse die Erforschung von Lebenswelten und Interaktionen ist
  2. der Forschungsprozess dynamisch ist
  3. es wird mit verbalen Materialien gearbeitet und kein numerisches Material verwendet
  4. subjektiv ist
  5. sie den subjektiv-interpretativen Erkenntnisprozess betont

Hinsichtlich des Paradigmas ist die Ethnographie zwischen behavioristisch („Behaviour Science“) und konstruktivistisch („Design Science“) eingeordnet, da die Methode sowohl nach Erkenntnisgewinn durch Schaffen und Evaluieren von IT-Lösungen als auch nach der Analyse des Verhaltens und der Auswirkungen von existierenden Systeme strebt.

 

Literaturverzeichnis

BREUER H. (2012): Ethnographische Methoden zur Nutzerforschung.

MYERS, M. D. (1999): Investigating Information Systems with Ethnographic Research. Communications of the ACM, S. 1-20.

SCHREINER M. et al (2015): Gestaltungsorientierter Kern oder Tendenz zur Empirie? Zur neueren methodischen Entwicklung der Wirtschaftsinformatik.

http://www.wim.bwl.uni-muenchen.de/download/epub/ab_2006_02.pdf (Aufruf am 11.05.2016 um 14:00)

http://i-literacy.e-learning.imb-uni-augsburg.de/node/812 (Aufruf am 21.05.2016 um 15:00)

https://www.medien.ifi.lmu.de/lehre/ss14/swal/presentations/topic6-guelten_awan-Ethnography.pdf (Aufruf am 21.05.2016 um 18:55)

https://hbr.org/2009/03/ethnographic-research-a-key-to-strategy (Aufruf am 21.05.2016 um 15:00)

https://studi-lektor.de/tipps/qualitative-forschung/qualitative-quantitative-forschung.html (Aufruf am 21.05.2016 um 15:00)

https://books.google.de/books?id=MQag4iiy1KkC&pg=PR1&lpg=PR1&dq=Innovationen+verbreiten,+optimieren+und+evaluieren+Ein+Leitfaden+zur+interventionellen+Versorgungsforschung&source=bl&ots=PwvaGStSxa&sig=uhDovx29XXDgVoJVGY6L_IvEQUg&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjjs6br7dTMAhWJDsAKHb8HC0YQ6AEINDAE#v=onepage&q=Innovationen%20verbreiten%2C%20optimieren%20und%20evaluieren%20Ein%20Leitfaden%20zur%20interventionellen%20Versorgungsforschung&f=false  (Aufruf am 11.05.2016)

http://www.wim.bwl.uni-muenchen.de/download/epub/ab_2006_02.pdf (Aufruf am 11.05.2016)

http://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/verhalten/16243 (Aufruf am 27.06.2016)

Vorteile: 
  • Erkennen von unerfüllten Anforderungen und Nutzungsproblemen durch „teilnehmende Beobachtung“
  • Foto- und Videodokumentation ermöglichen Nachvollziehbarkeit und hohe Überzeugungskraft der Ergebnisse
  • Einsicht in das reale Nutzerverhalten
  • Verbesserungsmöglichkeiten entdecken und Innovationspotentiale offen legen
  • Identifikation und Analyse unerwarteter Probleme
Nachteile: 
  • Qualitative Daten sind teilweise aufwändig zu erheben und grundsätzlich aufwändig in der Auswertung
  • Erhebung und Auswertung der Daten erfordert Erfahrung und besondere Beobachter- und Interviewfertigkeiten
  • Subjektiver Interpretationsspielraum
  • Es ist kostenintensiv, denn die Forscher müssen vor Ort sein, um die relevanten Informationen zu erheben
Einsatzbereiche: 

In Informatik und Wirtschaftsinformatik kann Ethnographie in folgenden Bereichen eingesetzt werden:

  • Zur Analyse von Organisationsaspekten der Informationssystemgestaltung
  • Evaluation von DSR Artefakten
  • Zur Gestaltung von innovativen Geschäftslösungen und Informationssystemen
  • Besseres Verständnis der Problemdomäne
  • Management von Informationssystemen
  • In der Softwareentwicklung im Rahmen der Anforderungsermittlung

In der Sozialpädagogik werden die Methoden beispielsweise zur Untersuchung von sozialen Gruppen und deren Verhaltensmustern eingesetzt.

 

Vorgehensweise: 

Es gibt viele verschiedene Ansätze für die Durchführung der Ethnographie. So gibt es zum Beispiel die Unterteilung in konventionelle und fokussierte Ethnographie. Die fokussierte Ethnographie unterliegt prägnanteren Regeln als die konventionelle Ethnographie. So sind die Feldaufenthalte der fokussierten Ethnographie mit einigen wenigen Wochen oder Monaten kürzer als die der konventionellen Ethnographie. Des Weiteren wird in der fokussierten Ethnographie mehr mit technischen Hilfsmitteln, z.B. Aufzeichnungsgeräten, gearbeitet und der Ethnograph erhält eher eine Beobachtungsrolle als eine Teilnehmerrolle (Knoblauch 2001, S. 129).

Bei der Durchführung von Ethnographie gibt es einen allgemeinen Ablauf und einige Richtlinien, welche ein Ethnograph befolgen sollte. Es gibt allerdings keinen strikt festgelegten Plan für die Durchführung einer ethnografischen Forschung. Vielmehr ist die Vorgehensweise jeweils situations- und umfeldabhängig (Steinhöfel 2014, S. 181).

Im Allgemeinen sollten zuerst das Forschungsthema und das Forschungsziel eindeutig definiert werden (Roy & Banerjee 2012, S. 11) (vgl. Abbildung 1). Das Forschungsthema besteht i.d.R. aus einer Frage über eine bestimmte Annahme oder ein Vorgehen. So wird eine bestimmte Richtung vorgegeben und eine fokussierte Vorgehensweise definiert (Hoey 2014, S. 6).

In einem nächsten Schritt sollten die unterschiedlichen Quellen der Datensammlung identifiziert werden (Roy & Banerjee 2012, S. 11) (vgl. Abbildung 1). An dieser Stelle sollte der Ethnograph entscheiden, wer die Hauptakteure sind (Hoey 2014, S. 6). Es muss festgelegt werden, welche Personen oder Gruppe(n) beobachtet werden und ob es neben dem Feldaufenthalt weitere Datenquellen, wie z.B. historische Ereignisse gibt.

Ein Ethnograph sollte mindestens mehrere Wochen oder Monate in einer Gruppe und dessen Umfeld verbringen (vgl. Abbildung 1). Es wird angenommen, dass die Personen den Ethnographen zu Beginn der Beobachtung als Fremden wahrnehmen und es Verhaltensweisen gibt, welche vor Fremden eher verborgen werden. Nach einiger Zeit wird der Forscher als normales Mitglied wahrgenommen und die Gruppenmitglieder offenbaren alle Verhaltensweisen (Bayram 2014, S. 122). Außerdem kann sich der Ethnograph durch den langen Beobachtungszeitraum stärker in die Situationen der zu beobachtenden Personen hineinversetzen und erlangt einen umfassenderen Überblick. Während der Beobachtung sollte sich der Ethnograph u.a. folgende Fragen stellen (Hoey 2014, S. 5 ff.):

·      Welche Ereignisse treten wann und wo auf? Erscheinen diese ungewöhnlich?

·      Gibt es Besonderheiten im Umfeld und in zwischenmenschlichen Beziehungen? Bemerken die Personen Besonderheiten selbst oder sieht es nur ein Außenstehender?

·      Wie sieht die Umgebung aus? Wo befinden sich die Personen mit denen man arbeitet?

·      Wie werden Aktionen ausgeführt? Gibt es bestimmte Regeln, an die sich die Personen halten? Woher wissen die Personen wie sie sich verhalten sollen?

Während der Ethnograph eine Gruppe beobachtet, ist seine oberste Priorität Notizen schriftlich festzuhalten. Die Notizen können dabei von unterschiedlicher Art sein. Es können Beobachtungen, Eindrücke, Fragen, Gefühle in Situationen und vieles mehr aufgeschrieben werden. Nachdem der Ethnograph Interviews geführt hat, sollten diese so schnell wie möglich dokumentiert werden, da ansonsten das Risiko besteht, wichtige Details zu vergessen.

Grundsätzlich sollte alles im Detail aufgeschrieben werden, selbst wenn davon ausgegangen wird, dass es unwichtig sei. Im Nachhinein können bestimmte Informationen wichtig erscheinen, die vorher einen belanglosen Eindruck hinterließen. Eine gute Möglichkeit dies zu tun, sind neben dem Notieren auch Tonaufnahmen von Gesprächen oder eigenen Notizen (Myers 1999, S. 9).

Bei der Verschriftlichung und Weiterverarbeitung der Notizen sollten einige Dinge beachtet werden (Hoey 2014, S. 6 ff.):

·      Es sollten Lücken aufgefüllt und Zusammenhänge ergänzt werden, welche bei stichpunktartigen Notizen verloren gehen könnten, wenn diese nicht zeitnah weiterverarbeitet werden. Zusammenhängend sollte geprüft werden welche wichtigen Eigenschaften der Personen bzw. Gruppen noch erforscht werden sollten.

·      Es sollte hinterfragt werden, ob sich das Verständnis der Notizen über die Zeit geändert hat und ob Fragen aus den Notizen hervorgehen.

·      Es sollte regelmäßig reflektiert werden, ob bislang etwas Wichtiges gelernt wurde, um so u.a. Erkenntnisse über weitere Vorgehensweisen erlangen zu können. Eine wichtige Erkenntnis könnte es z.B. sein, festzustellen, welche Fragen an bestimmte Gruppenmitglieder den Ethnographen seinem Forschungsziel näherbringen können.

·      Es sollte darauf geachtet werden, dass der Adressat des späteren wissenschaftlichen Textes der Leser und nicht der Ethnograph selbst ist. Der Leser sollte von der Ethnographie profitieren können und benötigt daher einen umfassenden Überblick, um alle Zusammenhänge verstehen zu können.

Die Notizen können später um die evtl. vorliegenden historischen Daten ergänzt werden. Schließlich wird eine große Datenmenge resultieren. Der Vorteil besteht darin, dass die Daten schon während der Beobachtung analysiert und aufbereitet worden sind. Sie können im Anschluss in Handlungsempfehlungen wie z.B. in Vorschläge zur Produktverbesserung resultieren oder zu einem wissenschaftlichen Text zusammengefasst werden (vgl. Abbildung 1). Es gibt unterschiedliche wissenschaftliche Schreibstile (Van Maanen 1988, S. 147f.). Auf die verschiedenen Schreibstile wird an dieser Stelle nicht weiter eingegangen. 

Bei der Ethnographie besteht grundsätzlich das Problem, dass Forschungsergebnisse i.d.R. in Journals veröffentlicht werden. Der Ethnograph sollte daher versuchen, die über Monate angesammelten Daten auf wenigen Seiten kurz und prägnant zusammenzufassen. Eine Lösung wäre es, den wissenschaftlichen Text im Vorfeld so zu strukturieren, dass dieser aus einzelnen Teilen besteht, welche jeweils separat veröffentlich werden könnten (Myers 1999, S. 10). 

Quellen:

Bayram, A. (2014): Die Methode der teilnehmenden Beobachtung. Marburg: Grin Verlag GmbH.

Hoey, B. A. (2014): A Simple Introduction to the Practice of Ethnography and Guide to Ethnographic Fieldnotes. Huntington: SelectedWorks.

Knoblauch, H. (2001): Fokussierte Ethnographie: Soziologie, Ethnologie und die neue Welle der Ethnographie. Sozialer Sinn (2), S. 123-141.

Myers, M. D. (1999): Investigating Information Systems with Ethnographic Research. Communications of the ACM, S. 1-20.

Roy, S., & Banerjee, P. (2012): Finding a Way Out of the Ethnographic Paradigm Jungle. The Qualitative Report, S. 1-20.

Steinhöfel, J. (2014): Risikokontrolle in der Mikrofinanzierung: Eine Analyse des wechselseitigen Bürgens (Sozialtheorie). Coburg: transcript.

Van Maanen, J. (1988): Tales of the Field . Chicago: The University of Chicago Press.

 

Software: 

Ein zentraler Aspekt des Forschungsprozesses bei einer Ethnographie besteht darin, Feldnotizen, Beobachtungen und Ereignisse festzuhalten, zu analysieren und in verwertbare Daten zu transformieren.[1]

Software in der Ethnographie kann daher in zwei wesentliche Kernaufgaben unterteilt werden: die Datenerfassung und die Datenauswertung. Für diese Schritte bieten sich mehrere Software-Tools an.

Datenerfassung

Zur Datenerfassung in Textform bietet sich jedes beliebige Programm an, das Text verarbeiten kann. Dazu zählen zum Beispiel Microsoft Word oder auch seine Open-Source Alternativen. Zur Aufzeichnung von Notizen bieten sich unter anderem die Tools „SimpleNote“, „Microsoft OneNote“, „Google Keep“ oder „Evernote“ an. Natürlich kann je nach Belieben jedes andere Tool verwendet werden.

Bei der Verwendung von Audioaufnahmen bieten sich freie Tools wie „Audacity“ an, mithilfe derer man Audioaufnahmen erstellen, schneiden, bearbeiten und in anderer Formate zur Weiterverarbeitung exportieren kann. Zur Erstellung von Abschriften bietet sich zum Beispiel das kostenlose „Transana“[2] an.

Für Fotografien bieten sich Anwendungen wie GIMP an, mit denen Bilder bearbeitet, skaliert und in anderer Formate exportiert werden können.

Datenanalyse

Bei der Verwendung qualitativer Forschungsmethoden bietet sich die Verwendung einer „Computer Assisted Qualitative Data Analysis Software“ (CAQDAS) an. Diese speziellen Anwendungen bieten Funktionen zum Kategorisieren und Wiederfinden, zur grafischen Modellentwicklung, Visualisierung von Analyseergebnissen und komplexe Suchmöglichkeiten mithilfe boolscher Operatoren.[3]

Zentrales Element der vorgestellten Software-Tools ist das Kodieren oder Kategorisieren. Dazu werden einer Textstelle ein oder mehrere Begriffe oder Stichwörter (Codes) zugeordnet, anhand derer die vorliegenden Daten durchforstet und analysiert werden können. Auch Zusammenhänge über Dokumentengrenzen hinweg können so visualisiert werden.[4]

TAMS Analyzer

Der „TAMS Analyzer“ ist ein Programm, das mithilfe eines „Text Analysis Markup Systems“ Textpassagen Kategorien zuweisen kann. Dazu muss der relevante Text lediglich ausgewählt werden, und die Kategorie in einer Liste angeklickt werden. Anschließend können die codierten Informationen extrahiert, analysiert und gespeichert werden. Das Programm unterstützt Text-, Foto- und Videodateien und wurde unter der GPL v2 Lizenz veröffentlicht. Die aktuelle Version 4.0 ist von Februar 2016 und liegt für OS X oder als kompilierbarer Quellcode für Linux vor.[5]

 

Quelle: http://i1-mac.softpedia-static.com/screenshots/TAMS-Analyzer_2.png

WeftQDA

Weft QDA ist ein einfach zu nutzendes Programm, mit dessen Hilfe sich Dokumente wie Interview-Abschriften, Notizen und andere Text- oder PDF-Dateien analysieren lassen. Zu den Funktionalitäten zählen die Klassifizierung von Textabschnitten während des Lesens, die Gruppierung von Schlagwörtern in einer Baumstruktur, eine schnelle Freitextsuche und die Suche mittel boolscher Operatoren, wie „AND“, „OR“ und „AND NOT“. Die für Windows und Linux verfügbare Software ist Open-Source, wird aber seit der aktuellen Version 1.0.1 von April 2006 nicht mehr weiterentwickelt.[6]

 

Quelle: http://www.pressure.to/qda/doc/images/code_document.png

ATLAS.ti

ATLAS.ti ist ein Computerprogramm, welches hauptsächlich in der qualitativen Sozialforschung Anwendung findet. Es bietet Möglichkeiten zur Analyse vor allem großer Text-, Audio-, Video- und Bilddateien und soll Forschern helfen, große Datenmengen systematisch zu analysieren. Dazu können einzelne Datensegmente gesucht, kommentiert, codiert und ihre Verbindungen untereinander oder auch über Dokumentengrenzen hinweg visualisiert werden. Weitere Funktionalitäten sind unter anderem Abfrage-Tools, eine Google-Earth-Integration und eine native PDF-Unterstützung. Die Software läuft auf Windows und OS X und kostet als Studentenlizenz ab 39€, kommerzielle Lizenzen sind ab 1.200€ verfügbar. Es werden iPad und Android-Apps angeboten, die einige wesentliche Aufgaben von unterwegs ermöglichen.[7]

 

Quelle: http://atlasti.com/wp-content/uploads/2014/10/Atlasti-interface-with-mar...

MAXqda

MAXqda ist eine Software zur professionellen Textanalyse, die speziell für große Datenmengen und die Arbeit im Team ausgelegt ist. Unterstützt werden Texte in jeglichem Dateiformat, aber auch Foto- oder Videodateien. MAXqda nutzt für die unterschiedlichen Kategorien farbliche Codes, um die Unterscheidbarkeit zu erhöhen. Zusätzliches kann jedem Textabschnitt eine Gewichtung hinzugefügt werden, die zeigt, wie sehr dieser zu einer ausgewählten Kategorie passt, um die Identifizierung besonders relevanter Ergebnisse zu ermöglichen. Ein weiteres Feature der Software ist die Möglichkeit, qualitative und quantitative Forschung mithilfe eines Addons zu verbinden, z.B. um Worthäufigkeiten zu analysieren. MAXqda ist in der Version 12 von 2015 verfügbar für Windows und OS X und kostet für Studenten ab 37€. Zusätzlich ist eine 30-tägige Testversion verfügbar.[8]

 

Quelle: http://www.maxqda.de/produkte/screenshots/

NVivo

NVivo unterstützt qualitative Forschungsmethoden und ist vor allem dazu entwickelt worden, unstrukturierte Daten, wie Interviews, Umfragen, Zeitschriftenartikel, Social-Media-Inhalte und Webinhalte zu organisieren, zu analysieren und Zusammenhänge innerhalb der Daten herzustellen. Die Software kann entweder alleine oder im Team benutzt werden, wo sie Zusammenarbeit und Änderungen in Echtzeit ermöglicht. Wie anderen Tools, können dem zu analysierenden Text auch hier Kategorien durch drag-and-drop zugewiesen werden. NVivo ist für Windows und OS X verfügbar, bietet auf letzterem allerdings einen eingeschränkteren Funktionsumfang. Die Software in Version 11 von 2015 kann als 14-tägige Testversion, oder ab 55€ für eine 12-monatige Studentenlizenz bezogen werden.[9]

 

Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/2d/NVivo-9-screenshot.jpg

Ethnograph

„Ethnograph“ ist eine Software zur Analyse von Textdaten, vor allem von Interviewabschriften, Notizen und offenen Befragungen. Der Text kann dabei direkt in das Programm getippt werden, oder aus einem Textbearbeitungsprogramm importiert werden. Anschließend kann der Text kategorisiert werden, Anmerkungen zu einzelnen Passagen gespeichert werden und der Text anhand mehrerer Filter (z.B. nur Stellen, die bestimmte Themen betreffen) durchsucht werden. Die Software bietet keine weitergehenden Analysemöglichkeiten, aber auch keinerlei Vorgaben, wie der Forschungsprozess zu gestalten ist. Die Software hat zudem einige Beschränkungen, so werden keine Kategorien unterstützt, deren Titel länger als zehn Zeichen ist und Suchen können innerhalb eines Dokumentes zwar per Suchwort, innerhalb mehrerer Dokumente aber nur per Code-Suche durchgeführt werden.[10] Die Software ist als Demo-Version frei verfügbar, oder kann kostenpflichtig (ab 99 US-Dollar pro Studentenlizenz) bezogen werden.[11]

Dedoose

„Dedoose“, der Nachfolger von „EthnoNotes“, ist eine Webbasierte Software und hilft bei der Analyse großer Datenmengen, alleine oder im Team. Neben Textdateien können PDFs, Tabellen, Video- und Audiodaten importiert werden. Daten können durch Nutzung eines hierarchischen Kategorisierungssystems und einer Gewichtung der einzelnen Abschnitte in aller tiefe analysiert werden, wodurch Muster in vorliegenden Daten erkannt werden können. Zur Visualisierung sind mehrere verschiedene interaktive Grafikvorlagen verfügbar. Durch den Web-Service ist Dedoose betriebssystemunabhängig und kostet ab 11 US-Dollar im Monat.[12]

 

Quelle: http://www.dedoose.com/userguide/drex_working_with_text_documents_custom...

Vergleich

  Preis Plattform Unterstützte Eingabeformate Letztes Update
TAMS Analyzer kostenlos Mac OS X Text, Foto, Video 2016
Weft QDA kostenlos Windows, Linux Text (auch PDF) 2004
Atlas.ti Ab 39€ Windows, Mac OS X, Android Text, Fotos, Videos, Audio 2012
MAXqda Ab 37€ Windows, Mac OS X Text, Foto, Video 2015
NVivo Ab 55€ Windows, Mac OS X Text, Foto, Video, Social Media 2015
Ethnograph Ab 99$ Windows Text  
Dedoose Ab 11$/Monat Web Text, Foto, Video, Audio  

 

Literaturverzeichnis

Bücher

Mey, G. / Mruck, K. (2010): “Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie,” Springer VS, Deutschland 2010, S. 734f.

Online-Quellen

Halbmayer, E. / Salat, J. (2011) Ethnographie als Prozess der Datenerhebung. http://www.univie.ac.at/ksa/elearning/cp/qualitative/qualitative-51.html Abruf am 13.05.2016.

Fenton, A. (2014) Weft QDA. http://www.pressure.to/qda/ Abruf am 15.05.2016.

o.V. (o. Jahr) Theoretisches Kodieren. http://qsf.e-learning.imb-uni-augsburg.de/node/774 Abruf am 14.05.2016.

o.V. (o. Jahr) TAMS Analyzer for Macintosh OS X. http://tamsys.sourceforge.net/ Abruf am 14.05.2016.

o.V. (o. Jahr) ATLAS.ti 7 for Windows. http://atlasti.com/product/features/ Abruf am 14.05.2016.

o.V. (o. Jahr) Compare the features of MAXQDA and MAXQDAplus. http://www.maxqda.com/products/maxqda-features Abruf am 15.05.2016.

o.V. (o. Jahr) o. Titel. http://www.qsrinternational.com/product Abruf am 16.05.2016.

o.V. (o. Jahr) Ethnograph 5.0 by Scolari. http://www.indiana.edu/~wanthro/yeh.htm Abruf am 17.05.2016.

o.V. (o. Jahr) The Ethnograph. http://www.qualisresearch.com/order_page.htm Abruf am 17.05.2016.

o.V. (o. Jahr) Pricing and Features. http://www.dedoose.com/pricing-and-features/ Abruf am 19.05.2016.

 

Fußnoten

[1] Vgl. http://www.univie.ac.at/ksa/elearning/cp/qualitative/qualitative-51.html, abgerufen am 13.05.2016.

[2] http://www.transana.org/

[3] Vgl. Mey, G. / Mruck, K. (2010), S. 734f.

[4] Vgl. http://qsf.e-learning.imb-uni-augsburg.de/node/774, abgerufen am 14.05.2016.

[5] Vgl. http://tamsys.sourceforge.net/, abgerufen am 14.05.2016.

[6] Vgl. http://www.pressure.to/qda/, abgerufen am 15.05.2016.

[7] Vgl. http://atlasti.com/product/features/, abgerufen am 14.05.2016.

[8] Vgl. http://www.maxqda.com/products/maxqda-features, abgerufen am 15.05.2016.

[9] Vgl. http://www.qsrinternational.com/product, abgerufen am 16.05.2016.

[10] Vgl. http://www.indiana.edu/~wanthro/yeh.htm, abgerufen am 17.05.2016.

[11] Vgl. http://www.qualisresearch.com/order_page.htm, abgerufen am 17.05.2016.

[12] Vgl. http://www.dedoose.com/pricing-and-features/, abgerufen am 19.05.2016.

 

 

Anwendungsbeispiele: 

In den folgenden Abschnitten sollen Anwendungsbeispiele für die Forschungsmethode Ethnographie in der Wirtschaftsinformatik vorgestellt werden. In diesen werden einzelne Projekte einer Serie von Projekten behandelt, die in einer nordeuropäischen öffentlichen Einrichtung auf ethnographischer Basis durchgeführt wurden.

Design Projekte der Filmkomission

Die Film Kommission steht synonym für eine öffentliche Einrichtung in Nordeuropa, die dem Ministerium für kulturelle Angelegenheiten unterstellt ist. Die Einrichtung beschäftigt ca. 50 Mitarbeiter und verfügt über ein jährliches Budget von ca. $7,5 Millionen. Die Hauptaufgaben der Film Kommission sind die Produktion und der Einkaufen von Filmen die kulturelle Inhalte vermitteln. (Vgl. Simonsen, 1994, S. 83)

Im Rahmen der Neuordnung der Organisation wurden vier Software Engineering Projekte in der Filmkomission angestoßen die mit Ausnahme der generellen Einarbeitungsphase unabhängig voneinander durchgeführt wurden. Von diesen werden im Folgenden drei Projekte betrachtet. (Vgl. Simonsen, 1994, S. 91) Bis dahin arbeitete die Filmkomission weitestgehend papierbasiert. Nach dem Design wurden die Design Reports jeweils dem zuständigen Technologiekommittee der Filmkomission präsentiert. (Vgl. Simonsen, 1994, S. 91)

Das erste Projekt betraf die Abteilungen Bestellungsentgegennahme und Versand (Vgl. Simonsen, 1994, S. 95), das Zweite den Redaktionellen Ausschuss (Vgl. Simonsen, 1994, S. 102) und das Dritte die Abteilungen Marketing und Bestellungsentgegennahme. (Vgl. Simonsen, 1994, S. 116)

1. Design Projekt für Bestellungsentgegennahme- und Versandabteilung

Kontext

Bei Abteilungen Bestellungsentgegennahme und Versand handelt es sich um unabhängige Abteilungen. Im Tagesgeschäft werden die Bestellungen von der Bestellungsentgegennahme- an die Versandabteilung weitergegeben. Wenn es Reklamationen gibt gehen diese an die Versandabteilung und werden von dort an die Bestellungsentgegennahme weitergegeben. Die Versandabteilung verfügt über ein physikalisches Lager und die Bestellungsentgegennahmeabteilung über ein logisches Lager. Es ergaben sich immer häufiger Unstimmigkeiten zwischen den beiden Lagern. Diesem Problem soll mit dem Design Projekt Rechnung getragen werden. Die Bestellungsentgegennahmeabteilung verfügte über ein Buchhaltungssystem. Das neue System sollte entweder dieses ersetzen oder mit diesem kompatibel sein. (Vgl. Simonsen, 1994, S. 95-96)

Ablauf des Anwendungsbeispiels

Abbildung 1: 2.1             Design Projekt für Bestellungsentgegennahme- und Versandabteilung (Vgl. Simonsen, 1994, S. 97-98)

Aufgrund der geforderten Kompatibilität musste das bestehende System mit vorhandenen Funktionen und Datenbanken zunächst analysiert werden.

Anfänglich wurden unstrukturierte Interviews mit einem Teil der Mitarbeiter und dem Manager der Versandabteilung geführt.

Die Erkenntnisse der Interviews wurden in rich pictures dokumentiert und den interviewten Personen präsentiert. Aus diesen weiteren Interviews ergaben sich vervollständigte rich pictures. Bei rich pictures handelt es sich um Grafiken die keiner vorgegebenen Syntax folgen und sich daher durch ihre Flexibilität auszeichnen.

Um sicherzugehen das der Workflow ausreichend dokumentiert und verstanden wurde fanden weitere Beobachtungen am Arbeitsplatz der mit Mitarbeiter der Bestellungsentgegennahmeabteilung statt.

Um die Erwartungen der Mitarbeiter an das System zu erfassen und zu kanalisieren fanden Meetings statt in denen die zentralen Probleme identifiziert und gewichtet wurden. Dies wurde mit Hilfe von Mindmaps umgesetzt. Unter anderem sollte ebenfalls deutlich gemacht werden, welche Probleme das System nicht lösen würde.

Es wurden zwei Institute besucht, die ein Inventarverwaltungssystem verwenden. Eines der Institute verwendete eine Standardimplementation. Das andere Institut nutzte eine Eigenentwicklung. (Vgl. Simonsen, 1994, S. 97-98)

2. Design Projekt für den Redaktionellen Ausschuss

Kontext

Die Produktion von Filmen beinhaltet die Finanzierung und Unterstützung der Produktion. Diese Aufgaben werden von dem Redaktionellen Ausschuss wahrgenommen. Der Redaktionelle Ausschuss besteht aus neun Mitarbeitern. Davon sind drei Redakteure die Anträge auf Förderungen prüfen und entscheiden welche Produktionen gefördert werden sollen, eine Mitarbeiter ist als Produktionsmanager für die Finanzierung aller Produktionen verantwortlich und drei Sekretäre erledigen administrative Aufgaben. Außerdem befinden sich ein Techniker und ein Berater der auf den Einkauf und das Management der Übersetzung ausländischer Produktionen spezialisiert ist in dem Ausschuss. (Vgl. Simonsen, 1994, S. 83-84)

Ablauf des Anwendungsbeispiels

Abbildung 2: Design Projekt für den Redaktionellen Ausschuss (Vgl. Simonsen, 1994, S. 104-105)

Um einen ersten Überblick zu gewinnen wurden Interviews mit alle Mitarbeitern des Ausschusses in deren Büros durchgeführt. Es handelte sich um unstrukturierte Interviews mit einer Dauer von einer bis zwei Stunden. Die als Dialoge aufgebauten Interviews behandelten beispielsweise die Tätigkeiten der Mitarbeiter, bestehende Problemen und Verbesserungsvorschläge.

Anschließend wurden die vorhandenen Dokumente analysiert um einen Überblick über die vorhandenen Formulare zu gewinnen.

Eine zweite Interviewrunde wurde mit den Sekretären  erneut an deren Arbeitsplatz durchgeführt. Dabei sollten diese zeigen wie sie bestimmte Tätigkeiten ausüben. Teilweise wurden sie als thinking-aloud Experiment durchgeführt, bei dem die Sekretäre aussprechen sollten war sie während der Arbeit dachten. In dieser Interviewrunde ergaben sich detaillierte Ideen für das Design des Softwaresystems.

Anschließend wurden wöchentlich stattfindende Produktionsmeetings gefilmt in denen neben den Tagesgeschäft die Entwicklung des Softwaresystems reflektiert  und diskutiert wurde. Unter anderem wurden rich pictures gezeichnet um die Designideen festzuhalten. (Vgl. Simonsen, 1994, S. 104-105)

 

3. Design Projekt für die Marketing- und Bestellungsentgegennahmeabteilung

Kontext und Problemstellung

Seit zwei Jahren musste die Filmkomission einen Teil ihres Budgets selbst erwirtschaften. Um marktorientierter aufgestellt zu sein, sollten die Marketing- und Bestellungsannahmeabteilung zusammengelegt werden. Das Buchungssystem sollte erneuert, ein Onlinestore eingerichtet und Marktforschungen durchgeführt werden. (Vgl. Simonsen, 1994, S. 117-118)

Ablauf des Anwendungsbeispiels

Abbildung 3: Design Projekt für die Marketing- und Bestellungsentgegennahmeabteilung (Vgl. Simonsen, 1994, S. 119-120)

Die wesentliche Datenerhebungsmethode waren unstrukturierte Interviews von bis zu zwei Stunden Dauer. Primäres Thema waren die von den beiden betroffenen Abteilungen wahrgenommenen Aufgaben. Es wurden alle Mitarbeiter beider Abteilungen befragt. Die Befragungen wurden zum Großteil als Audiodatei aufgezeichnet um sie erneut evaluieren zu können. Weitere Interviews wurden primär mit dem Abteilungsleiter der Marketingabteilung gehalten. Einige Mitarbeiter kommentierten die anhand der Interviews entwickelten Entwürfe.

Um die Kultur und den Führungsstil der betroffenen Abteilungen kennenzulernen wurden die wöchentlichen Abteilungsmeetings besucht.

Anschließend erfolgte eine Dokumentenanalyse der vorliegenden Unterlagen.

Um Informationen über die Bedürfnisse der Kunden der Filmkomission zu gewinnen wurden fünf institutionelle Kunden persönlich interviewt. Die Interviews dauerten eine bis zwei Stunden. (Vgl. Simonsen, 1994, S. 119-120)

 

Quellen

 

Simonsen, J. (1994). Designing Systems in an Organizational Context: An Explorative Study of Theoretical, Methodological, and Organizational Issues from Action Research in Three Design Projects. Denmark: Department of Computer Science, Roskilde University.