Process Virtualization Theory

Definition: 

 

1. Definition

1.1 Prozess

Unter einem Prozess wird die Abfolge von Arbeitsschritten verstanden, die zur Erstellung einer definierten materiellen oder immateriellen Leistung (Produkt oder Dienstleistung) notwendig sind. Dabei können Tätigkeiten zeitgleich ablaufen als auch mehrere zuständige Bearbeiter, Organisationseinheiten oder Externe beteiligt sein.

In einer Prozessbeschreibung werden diese Arbeitsschritte vom Auslöser (Prozessstart) bis zum Abnehmer der entsprechenden Leistung (Prozessende) unter der Nutzung von sachlichen, personellen und zeitlichen Ressourcen dargestellt. Es gibt verschiedene Möglichkeiten Prozesse zu beschreiben, z. B. visuell, verbal oder in Mischformen. Die Beschreibung von IST-Prozessen erlaubt es, diese zu analysieren und Soll-Betrachtungen anzustellen. (Sächsisches Staatsministerium des Innern 2015)     

Für das weitere Verständnis dieser wissenschaftlichen Ausarbeitung wird in den nachfolgenden Kapiteln zwischen physischen und virtuellen Prozessen differenziert. Ein physischer Prozess beinhaltet physische Interaktion zwischen Menschen oder zwischen Menschen und Objekten. Ein virtueller Prozess ist ein Prozess, bei dem die physische Interaktion zwischen Menschen und / oder Objekten entfernt wurde. Der Übergang von einem physischen Prozess zu einem virtuellen Prozess wird als Prozess-Virtualisierung bezeichnet. (Overby 2008)

 

1.2 Hauptkonstrukte der Prozessvirtualisierungstheorie

Der entscheidende Faktor in der Prozessvirtualisierungstheorie ist die Prozess-Virtualisierbarkeit, die beschreibt, inwieweit ein Prozess ohne physische Interaktion zwischen Menschen oder zwischen Menschen und Objekten durchgeführt werden kann. Prozess-Virtualisierbarkeit kann entweder anhand des „Umsetzungspotenziales“ von einem physischen zu einem virtuellen Prozesse gemessen werden oder anhand der Qualität der Ergebnisse, die aus einem virtuellen Prozess resultieren. Zum Beispiel hat die stetige Zunahme des elektronischen Geschäftsverkehrs in den letzten zehn Jahren gezeigt, dass bestimmte Einkaufsprozesse sich virtualisieren lassen. In Bezug auf die Qualität der Ergebnisse eines virtuellen Prozesses kann man das Fernstudium in Betracht ziehen. Wenn Studenten einer Fernhochschule das Unterrichtsmaterial beherrschen würden, dann würde dies belegen, dass der formale Bildungsprozess zugänglich für die Virtualisierung wäre, zumindest unter bestimmten Bedingungen und für bestimmte Themengebiete.

Die Hauptkonstrukte der Prozessvirtualisierungstheorie sind Sinnesanforderungen, Beziehungsanforderungen, Synchronitätsanforderungen und Identifikations- und Kontrollanforderungen. Jedes dieser Konstrukte wird aufgestellt, um einen negativen Effekt auf die Prozess-Virtualisierbarkeit auszuüben. Mit anderen Worten, mit jeder Zunahme dieser Anforderungen steigt der Komplexitätsgrad diesen Prozess zu virtualisieren. Dies bedeutet nicht, dass ein Prozess mit hohen Sinnes-, Beziehungs-, Synchronitäts- und / oder Identifikations- und Kontrollanforderungen nicht virtualisiert werden kann; vielmehr bedeutet es, dass es besser virtualisierbar wäre, wenn diese Anforderungen gering sind. Die entscheidende Variable der Prozess-Virtualisierbarkeit ist kontinuierlich, nicht diskret und sollte als eine Frage des Grades und nicht der Art betrachtet werden. Das ist eine kritische Unterscheidung, denn die Aussagen der Theorie sollten nicht als An / Aus interpretiert werden.

Sinnesanforderung:

Das erste Konstrukt, dass die Prozess-Virtualisierbarkeit hemmt, ist die Sinnesanforderung. Sie wird als die Notwendigkeit für Prozessteilnehmer definiert, um den Prozess und andere Prozessteilnehmer und Objekte mit ihren Sinnen wahrnehmen zu können. Zu diesen Sinnen gehören Schmecken, Sehen, Hören, Riechen und das Berühren von anderen Prozessteilnehmern oder Objekten sowie die Gesamtempfindung, welche die Teilnehmer bei einem Prozess empfinden, wie beispielsweise Aufregung, Verwundbarkeit etc.

Beziehungsanforderung:

Bei dem zweiten Konstrukt, welches die Prozess-Virtualisierbarkeit hemmt, handelt es sich um die Beziehungsanforderung. Sie wird als Notwendigkeit für die Prozessteilnehmer definiert, um in einem sozialen oder beruflichen Kontext miteinander zu interagieren. Diese Art von Interaktion führt oftmals zu Wissenserwerb, Vertrauen und / oder freundschaftliche Entwicklung.

Synchronitätsanforderung:

Das dritte Konstrukt, das als Hemmnis der Prozess-Virtualisierbarkeit eingebracht wird, ist die Synchronitätsanforderung. Sie wird durch den Grad definiert, in welchem für einen Prozess benötigte Aktivitäten möglichst schnell und mit minimaler Verzögerung auftreten müssen.

Identifikations- und Kontrollanforderung

Die Identifikations- und Kontrollanforderung stellt das vierte Hauptkonstrukt als Hemmnis der Prozess-Virtualisierbarkeit dar.  Diese Anforderung wird als das Ausmaß definiert, zu dem der Prozess eine eindeutige Identifikation der Prozessteilnehmer erfordert und die Fähigkeit, Kontrolle über ihr Verhalten auszuüben beziehungsweise es zu beeinflussen. (Overby 2008)

 

1.3 IT-basierte und Nicht-IT-basierte virtuelle Prozesse

Der wichtigste Faktor der meisten modernen virtuellen Prozesse ist die IT, die nach O'Brien (O'Brien 2002, S. 7) als "Computerhardware, Software, Kommunikationsnetze und Datenressourcen, die Informationen sammeln, transformieren und verbreiten" definiert ist. Allerdings ist es wichtig zu erkennen, dass die IT nicht für die Prozess-Virtualisierung erforderlich ist, genauso wie die IT kein virtuelles Team benötigt (Fiol und O'Connor 2005). Katalogverkäufe sind ein langjähriges Beispiel für ein Einkaufserlebnis, die von der physischen Interaktion getrennt sind. Fernkurse haben Studenten längst die Möglichkeit eröffnet, formale Bildungsgänge ohne physische Anwesenheit zu absolvieren. All diese Varianten ermöglichen es zwar, dass Prozesse virtuell (d.h. ohne physische Interaktion zwischen den anderen Personen und / oder den an dem Prozess beteiligten Objekten) durchgeführt werden, aber keiner dieser Ausführungen benötigt IT. So können virtuelle Prozesse auf IT basieren, müssen es aber nicht sein. Die folgende Abbildung stellt Prozessbeispiele dar, welche zum einen den Prozess an sich, sowie die physische und virtuelle Variante dieses Prozesses beinhaltet. Im virtuellen Prozess wird wiederum zwischen IT-basiert und Nicht-IT-basiert unterschieden. (Overby 2008)

Prozess Physischer Prozess Virtueller Prozess
Nicht-IT-basiert IT-basiert
       
Einkaufen Laden-basiertes Einkaufen Katalogverkäufe Online-Handel
       
Bildung Klassenraum-basierter Unterricht Fernkurse Fernstudium
       
Bankenwesen Interaktion mit Bankmitarbeiter "Postguthaben" Geldautomaten,
Online-Banking
       
Freundschaften
schließen / entwickeln
Angesicht-zu-Angesicht Interaktion Briefschreiben zwischen
 Brieffreunden
E-Mail, Sofortnachrichten,
Online-Dating

                                                                                          Quelle: Eigene Darstellung (Overby 2008)

Abb. 1             Prozessbeispiele

 

1.4 IT-Konstrukte der Prozessvirtualisierungstheorie

Fortschritte in der Leistung und Zugänglichkeit der IT haben in den letzten Jahren zu einer rapiden Steigerung neuer virtueller Prozesse geführt. Um zu untersuchen, wie und warum IT diesen Effekt hat, berücksichtigt diese Theorie explizit die Rolle der IT bei der Prozess-Virtualisierung. Eine Schlüsselprämisse der Theorie ist, dass die IT genutzt werden kann, um einen Prozess für die Virtualisierung besser zugänglich zu machen. IT hat eine positive und moderate Wirkung auf die Beziehungen zwischen den wichtigsten Konstrukten und Prozess-Virtualisierbarkeit.

Es gibt drei IT-Konstrukte, die erklären, wie die IT diesen Effekt erzielt: Darstellung (im Original: „Representation“), Reichweite („Reach“) und Überwachung („Monitoring capability“). Die Darstellungsfähigkeit der IT beispielsweise erleichtert (z. B. über Audio-, Video-, Haptik- und olfaktorische Schnittstellentechnologien) die Integration von Sinnesanforderungen in virtuelle Prozesse. Diese Auswirkungen der IT sollten aus diesem Grund in Zusammenhang mit der Haupt-Theorie als wichtig betrachtet werden und werden im Folgenden genauer thematisiert. Beide Arten dieser Auswirkungen sind somit notwendig, um das Phänomen zu verstehen.

Darstellung:

Das erste IT-Konstrukt der Prozessvirtualisierungstheorie ist die „Darstellung“. Sie wird als die Fähigkeit der IT definiert, die für einen Prozess relevanten Informationen darstellen zu können. Hierzu gehören auch die Simulationen von Akteuren und Objekten innerhalb der physischen Welt, einschließlich ihrer physischen Eigenschaften und Charakteristika und die Art, wie wir mit ihnen interagieren. Dieses Konstrukt erleichtert die Integration von Sinnesanforderungen in IT-basierte virtuelle Prozesse.

Reichweite:

„Reichweite“ ist das zweite IT-Konstrukt der Prozessvirtualisierungstheorie, also die Fähigkeit der IT, die Beteiligung am Prozess über Raum und Zeit zu ermöglichen. Im Hinblick auf die Reichweite und den zeitlichen Aspekt, ermöglicht es die IT, viele Prozesse im Laufe eines Tages durchzuführen. Banken stellen ihren Kunden bspw. Geldautomaten zur Verfügung, da ein durchgängig manueller Prozess wesentlich länger dauern und somit weniger Kunden in derselben Zeit bedient werden könnten. Schaut man auf das Einkaufen im Online-Handel, ergibt sich hier ein ähnliches Muster. Wenn die „physischen“ Geschäfte zu bestimmten Zeiten geschlossen sind, können die Unternehmen in diesen Zeiträumen keine Umsätze generieren. Im Online-Handel jedoch besteht für Geschäfte die Möglichkeit rund um die Uhr zu verkaufen, was wiederum dazu führt, dass man wesentlich mehr Kunden „erreichen“ kann. In Bezug auf die Reichweite über den Raum, ermöglicht es die IT Menschen auf der ganzen Welt an denselben Prozessen teilhaben zu lassen. IT-basierte virtuelle Prozesse wie der Online-Handel und das Fernstudium haben die Reichweite von Einkaufs- und formalen Bildungsprozessen an allen Standorten und für alle Teilnehmer mit Internetverbindung erweitert und zugänglich gemacht. Dieses Konstrukt erleichtert die Virtualisierung von Prozessen mit hohen Beziehungsanforderungen.

Überwachung:

Beim dritten IT-Konstrukt der Prozessvirtualisierungstheorie handelt es sich um die „Überwachung“.  Hierbei besitzt die IT die Fähigkeit, Prozessteilnehmer zu authentifizieren und Prozessaktivitäten zu verfolgen. Das Überwachungs-Konstrukt erleichtert die Virtualisierung von Prozessen mit hohen Identifikations- und Kontrollanforderungen. (Overby 2008)

Einordnung: 

 

2. Einordnung

In unserer zunehmend virtuellen Gesellschaft entstehen immer mehr Prozesse, die vor einiger Zeit über physische Mechanismen durchgeführt wurden, nun jedoch immer häufiger virtualisiert werden. Dieses Phänomen der "Prozess-Virtualisierung" geschieht in vielen unterschiedlichen Sektoren, einschließlich der Bildung (über Fernkurse, Fernstudium), Einkauf (über elektronischen bzw. Online-Handel) und Freundschaften (via sozialer Netzwerke und anderen virtuellen Welten wie z.B. im Gaming-Bereich). Allerdings sind einige Prozesse für die Virtualisierung besser geeignet als andere. In der Fernlehre funktionieren einige Bildungsprozesse besser als andere, ebenso wie bestimmte Einkaufsprozesse im Online-Handel besser funktionieren als manch andere.

Dadurch, dass die Prozessvirtualisierungstheorie sich auf die Analyse von Prozessen fokussiert, teilt diese Theorie sich gemeinsamen Boden mit der Geschäftsprozessneugestaltung (im Original: „Business Process Reengineering Research Field“), da auch bei dieser organisatorischen Maßnahme ein grundlegendes Überdenken des Unternehmens und seiner Geschäftsprozesse stattfindet. Das allgemeine Ziel der Geschäftsprozessneugestaltung ist die Analyse der einzelnen Schritte in einem Prozess, um aus dieser Analyse bestimmen zu können, wie der Prozess an sich verbessert werden kann (Davenport 1993). Obwohl hierbei oft die Verwendung von IT zur Automatisierung von Prozessschritten zu Tragen kommt, handelt es sich bei der Geschäftsprozessneugestaltung eher um ein analytisches Programm, das versucht, die Praxis zu verbessern, als dass es eine Theorie dazu ist, um ein bestimmtes Phänomen zu erklären oder vorherzusagen. Dieser Unterschied im Fokus unterscheidet die Geschäftsprozessneugestaltung von der Prozessvirtualisierungstheorie. Die Prozessvirtualisierungstheorie kann verwendet werden, um die Geschäftsprozessneugestaltung zu ergänzen, indem bestimmte Mittel bereitgestellt werden, um zu bewerten, ob ein Prozess (oder einzelne Schritte in ihm) ein guter Kandidat dazu ist, virtualisiert zu werden und warum. (Overby 2008)

Variante: 

Extended Process Virtualization Theory (2011):

Barth und Veit haben die PVT in einer qualitativen und darauf aufbauenden quantitativen Untersuchung für den Bereich der öffentlichen Verwaltung erweitert und in ein multikausales Modell umgewandelt. Dabei haben sie zunächst die aktuelle PVT von Overby dargelegt, anschließend den aktuellen Forschungsstand in den Bereichen Online Handel (im Original: E-Commerce) und Online Regierung (im Original: E-Governance) beschrieben und daraus Erweiterungen und Änderungen für die bestehende PVT abgeleitet.

Abbildung 2: Extended Process Virtualization Theory (Vgl. Barth und Veit 2011)

Die Theorie wird nun aus Konsumentensicht betrachtet und in diesem Zuge wird den unabhängigen Faktoren die Bezeichnung „wahrgenommene“ vorangestellt, um diese Nutzersicht zu verdeutlichen (zur Wahrung der Übersichtlichkeit in Abbildung 2 wurde der Begriff hier vor jedem Faktor weggelassen). Weiter wurde die Bezeichnung der abhängigen Variable gespiegelt und nun „Stärke des Widerstands gegen Ausführung des virtualisierten Prozesses“ genannt, um der Logik und dem Fokus des Modells, dass jeder Faktor einen positiven Einfluss auf die abhängige Variable hat, zu folgen. Der von Barth und Veit nicht validierbare Faktor „Identifikations- und Kontrollanforderungen“ wurde ersetzt durch die Faktoren „Wahrgenommene Performancerisiko“ und „Wahrgenommenes Privatsphäre- und Sicherheitsrisiko“, die jedoch die Auswirkung auf die abhängige Variable behalten (H4 + H5). Zudem wurde auf Basis der Literatur zum Thema Online Regierung weitere Faktoren in Form einer Kausalkette ergänzt. Die Faktoren „Wahrgenommene Prozesskomplexität“ und „Wahrgenommene Uneindeutigkeit des Prozesses“ unterstützen den Eindruck des Nutzers, dass die „Notwendigkeit von Rücksprachen“ steigt (H8 + H9). Ist dieser Eindruck stark ausgeprägt, so steigt das Bedürfnis des Nutzers den Prozess mit möglichst all seinen Sinnen zu erleben (H7). Dieses Bedürfnis wird ebenfalls bestärkt, sofern der Nutzer das Gefühl hat, dass der Prozess stark von ihm persönlich abhängt („Wahrgenommene Prozessintegrierung“ – H6). Die übrigen Faktoren und ihre Wirkungen aus dem bekannten PVT-Modell bleiben erhalten (H1 – H3).

Mit diesem angepassten Modell haben Barth und Veit in Deutschland erfolgreich 10 Prozesse der öffentlichen Verwaltung auf die „Stärke des Widerstands gegen Ausführung des virtualisierten Prozesses“ getestet und betonen zum Abschluss ihres Papers, dass sich der Anwendungsbereich dieses erweiterten Modells nicht auf den Bereich der öffentlichen Verwaltung beschränkt (Barth und Veit 2011).

 

Historie: 

Grundsätzlich werden neue Forschungstheorien auf zwei unterschiedliche Arten entwickelt. Zum einen kann eine bestehende Theorie herangezogen und im Zuge einer empirischen Studie erweitert oder verbessert werden. Ein Beispiel aus den Forschungstheorien der Wirtschaftsinformatik ist das Technology Acceptance Modell von Ajzen und Fishbein, das auf einem sozialpsychologischen Modell aus dem Jahr 1980 basiert (Overby und Konsynski 2008, S. 29). Im Gegensatz dazu wurde die Process Virtualization Theory (PVT) auf der Basis diverser Fallstudien als von Grund auf neue Theorie entwickelt (Eisenhardt 1989). Diese Fallstudien wurden in den sehr unterschiedlichen Fachgebieten Lernentwicklung, Beziehungsentwicklung und (Online-) Handel durchgeführt. Aufgrund ihrer besonderen Bedeutung als Grundlage für die Idee zur PVT und um das Verständnis für den Entwicklungsprozess dieser neuen Theorie gut nachvollziehen zu können werden die Ergebnisse der Studien im Folgenden kompakt präsentiert.

Lernentwicklung (1996 - 1998):

Moore und Kearsley stellen in ihrem Buch fest, dass für einen effektiven Lernprozess die Auseinandersetzung der Schüler mit dem Lernmaterial entscheidend ist, wie z.B. das Lernen am Objekt bei naturwissenschaftlichen Experimenten. Darüber hinaus ist es für den Lehrenden essentiell zu erkennen, welche Schüler einen größeren Beitrag zu einem Projekt geleistet haben oder welche Schüler sehr unruhig und unaufmerksam im Unterrichtsgeschehen agieren, um mit pädagogisch sinnvollen Maßnahmen ggf. eingreifen zu können (Moore und Kearsley 1996, S. 132). Salomon & Perkins haben in diesem Zusammenhang erkannt, dass eine unmittelbare Reaktion des Lehrenden auf das entsprechende Verhalten eines Schülers den Lernprozess deutlich effektiver gestaltet. Darüber hinaus stellten sie fest, dass besonders die Interaktion zwischen Schülern und Schülern sowie zwischen Schülern und Lehrern in Form von Ideenfindung, der Diskussion und Untersuchung dieser Ideen ein elementarer Bestandteil eines positiv verlaufenden Lernprozesses ist (Salomon & Perkins 1998, S. 7 f.).

Beziehungsentwicklung (1999 - 2004):

Jarvenpaa und Leidner haben herausgefunden, dass physische Reize, z.B. in Form von Berührungen und Gerüchen ebenso entscheidend für einen positiven Verlauf einer Beziehungsentwicklung sind, wie die Interaktion verschiedener Prozessbeteiligter untereinander durch z.B. Gestik, Mimik und Körpersprache (Jarvenpaa und Leidner 1999). Weiterhin ist für die Entstehung einer grundlegenden Vertrauensbasis eine wesentliche Voraussetzung, dass die Prozessbeteiligten gegenseitig identifizieren können (Dombrowski et al. 2004, S. 66).

Abbildung 1: Entwicklung der PVT im zeitlichen Ablauf

(Online) – Handel (2005):

Ramus und Nielsen haben ermittelt, dass beim Onlinekauf von Lebensmitteln höhere Restriktionen bestehen, als beim Onlinekauf von nicht verderblichen Gütern. Dabei hat die durchgeführte Studie ergeben, dass unabhängig von der Onlineaffinität und der Nationalität der untersuchten Fokusgruppen die Sorge über den Erhalt von minderqualitativer Ware, die vor dem Kauf nicht eigenhändig geprüft werden konnte, groß ist. Des Weiteren bewerteten die Teilnehmer negativ, dass ihnen beim Online-Einkauf der Aspekt eines entspannten Familieneinkaufs verloren geht (Ramus und Nielsen, S. 348 f.). Schließlich rief es bei den Teilnehmern Unbehagen hervor, dass fremde Supermarktmitarbeiter beim Einpacken ihre Güter berühren, welche letztendlich noch mehr als einen Tag Lieferzeit benötigen, bis sie an ihrem Zielort angelangen (Ramus und Nielsen, S. 343).

Overbys Theorie (2008):

Overby betrachtete die geschilderten Ausarbeitungen mit dem Blick auf die Virtualisierbarkeit dieser Prozesse und erkannte in diesen grundsätzlich sehr unterschiedlichen Prozessen Gemeinsamkeiten. Er stellte fest, dass die Faktoren, die sich in den physischen Prozessen positiv auswirkten, ein Hemmnis bei der Virtualisierung dieses Prozesses sind und kategorisierte diese folgendermaßen nach folgendem Schema in den 4 Hauptkonstrukten der PVT (Overby 2008):

  • Lernen am Objekt, körperlicher Kontakt, Lebensmittel eigenhändig prüfen
    • hohe Sinnesanforderungen (im Original: „Sensory Requirements“)
  • Schüler-Lehrer-Interaktion, Interaktion zwischen Beziehungsbeteiligten, Familieneinkauf
    • hohe Beziehungsanforderungen („Relationship Requirements“)
  • Unmittelbares Feedback, Direkte Inbesitznahme des gekauften Guts
    • hohe Synchronitätsanforderungen („Synchronism Requirements“)
  • Schüleridentifikation, Einordnen der Beziehungsbeteiligten, unbekannte Supermarktmitarbeiter
    • hohe Identifikations- und Kontrollanforderungen („Identification and Control Requirements“)

Die drei mildernden Faktoren der Informationstechnologie (IT) hat Overby in seine Theorie integriert, da er einen starken Zusammenhang der stetig steigenden Rate von virtualisierten Prozessen zu den rapiden Fortschritten der IT in den vergangenen Jahren sieht und deren Einfluss auf diese Weise in seinem Modell verdeutlichen wollte.

Im weiteren Verlauf des Jahres nahm sich Overby gemeinsam mit Konsynski der empirischen Untermauerung seiner Theorie an, indem die Beiden mit der PVT erfolgreich den Grad der Virtualisierbarkeit des Handelsprozesses im gewerblichen Automobilmarkt ermittelten (Overby und Konsynski 2008).

Extended Process Virtualization Theory (2011):

Barth und Veit entwickeln auf Basis der bestehenden PVT bezogen auf den speziellen Kontext der öffentlichen Verwaltung die Extended Process Virtualization Theory (EPVT, siehe Variante).

Unterstützung für die PVT (2014):

Ein Paper der Multikonferenz Wirtschaftsinformatik 2014 von Mitarbeitern der Goethe-Universität Frankfurt unterstützt die PVT durch einen empirischen Pretest anhand des Prozesses „Airport Check-In“. Hierbei wurden mit Hilfe eines Fragebogens die vier Hauptkonstrukte, die drei mildernden Faktoren sowie die Ergebnisebene der PVT durch die Annahme des virtualisierten Prozesses und die Qualität ebendessen unter hauptsächlicher Verwendung der Likert-Skala erhoben. Die statistische Analyse der Ergebnisse dieses Fragebogens an einer kleinen Testgruppe zeigt, dass die entwickelte Bewertungsskala des Fragebogens den Grad der Virtualisierbarkeit des untersuchten Prozesses hinreichend verlässlich erklärt. Der Items des entwickelten Fragebogens lassen sich also für weitere Studien in anderen Branchen/Fachgebieten simpel anpassen und für größere Studien als diesen Pretest verwenden (Balci et al. 2014).

Die Aktualität der Theorie wurde zudem von Balci in einem ausführlichen Literaturreview bestätigt (Balci 2014).

Nutzung der PVT (- 2016):

In der nahen Vergangenheit beziehen sich bereits einige Paper auf die PVT und verwenden diese als Grundlage für die empirischen Studien in unterschiedlichen Fachbereichen. So hat u.a. eine Untersuchung zum Bereich Retail Banking, welche die Digitalisierung der Banken in diesem Privatkundensegment darlegt, ergeben, dass die Restriktionen bzgl. der Virtualisierung dieser Prozesse vor Allem auf hohe Sinnesanforderungen und Identifikations- und Kontrollanforderungen zurückzuführen sind (Maedche & Graupner 2015). Des Weiteren wurde unter Zuhilfenahme der PVT der mögliche Einfluss von Social Media auf die erfolgreiche Gestaltung des Rekrutierungsprozesses von Freiwilligenorganisationen getestet (Connolly & Judge 2016).

Die auffällige Vielfalt an unterschiedlichen Prozessen, die seit der Entwicklung im Jahr 2008 mit der PVT untersucht wurden (sichtbar durch die horizontalen Ebenen in Abbildung 1), zeigt, dass Overby sein primäres Ziel, die Messung des Grades der Virtualisierbarkeit eines Prozesses unabhängig von der Art des Prozesses, erreicht hat.

 

 

Literaturverzeichnis

  • Balci, B.: „The State of the Art on Process Virtualization: A Literature Review“ in Proceedings of the 20th Americas Conference on Information Systems (AMCIS 2014), Savannah, USA 2014.

 

  • Balci, B., Franzmann, D., Bedué, P., Kuharic, M., Rosenkranz, C.: „Extending Process Virtualization Theory: Development of a Research Model and Pre-test“ in Multikonferenz Wirtschaftsinformatik 2014 Tagungsband, S. 51 – 63, Paderborn, Deutschland 2014.

 

  • Barth, M., Veit, D.: “Which Processes do Users not want Online? – Extending Process Virtualization Theory” in Thirty Second International Conference on Information Systems, Shanghai, China 2011.

 

  • Connolly, A., Judge, P.: “Process Virtualization Theory and Social Media’s Effects on the Decision to Volunteer” in AMCIS 2016, San Diego, USA 2016.

 

  • Davenport, T. (1993): „Process Innovation: Reengineering Work Through Information Technology“,    Harvard Business School Press, USA 1993.

 

  • Dombrowski, S. C., LeMasney, J. W., Ahia, C. E., Dickson, S. A.: “Protecting Children From Online Sexual Predators: Technological, Psychoeducational, and Legal Considerations” in Professional Psychology Research and Practice, Washington D.C, USA 2004.

 

  • Fiol, C. M., E. J. O’Connor. (2005): „Identification in face-to-face, hybrid, and pure virtual teams: Untangling the contradictions“, Organ.Sci., USA 2005.

 

  • Eisenhardt, K.M.: „Building Theories from Case Study Research“ in The Academy of Management Review, S. 532 – 550, New York, USA 1989.

 

  • Jarvenpaa, S. L., Leidner, D. E.: "Communication and Trust in Global Virtual Teams“ in Organization Science (INFORMS), Vol. 10, S. 791 – 815, Catonsville, USA 1999.

 

  • Maedche, A., Graupner, E.: “Process Digitalization in Retail Banking: An empirical Examination of Process Virtualization Theory” in International Journal of Electronic Business, Vol. 12, S. 364 – 379, Mannheim, Deutschland 2015.

 

  • Moore, M. G., Kearsley, G. (1996): "Distance Education: A Systems View of Online Learning”, MA: Wadsworth Publishing, Boston, USA 1996.

 

  • O’Brien, J. A. (2002): „Management Information Systems: Managing Information Technology in the E-Business Enterprise, 5th ed. McGraw-Hill, USA 2002

 

  • Overby, E. M.: “Process Virtualization Theory and the Impact of Information Technology” in Organization Science (INFORMS), Vol. 19, S. 277 – 291, Catonsville, USA 2008.

 

  • Overby, E. M., Konsynski, B. R.: “Process Virtualization: A Theme and Theory for the Information Systems Discipline” in SRRN Electronic Journal, New York, USA 2008.

 

  • Ramus, K., Nielsen, N. A.: „Online grocery retailing: what do consumers think?“ in Internet Research, Vol. 15, S. 335 – 352, West Yorkshire, Großbritannien 2005.

 

  • Salomon, G., Perkins, D. N.: “Individual and Social Aspects of Learning” in Review of Research in Education, Vol. 23, S. 1-24, Washington D.C., USA 1998.