Social Shaping of Technology

Definition: 

 

Social Shaping of Technology (SST) ist eine Theorie aus dem Forschungsfeld der Science and Technology Studies, das sich mit den Wechselverhältnissen von Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft beschäftigt. SST besagt, dass es eine beidseitige Beziehung zwischen Technologie und Gesellschaft gibt. Technologie wird durch gesellschaftliche Einflüsse bei seiner Erstellung und Nutzung geformt und ist somit ein gesellschaftliches Produkt. Ebenso wird aber auch der Einfluss von Technologie auf die Gesellschaft nicht geleugnet. (Williams und Edge 1996, S. 866)

1.1 Definitionen
Der Begriff Social Shaping of Technology in seiner heutigen Form wurde zum ersten Mal 1985 von MacKenzie und Wajcman in ihrem Buch The Social Shaping of Technology eingeführt. Es handelt hierbei um keine wohldefinierte Theorie, sondern um einen sehr weit gefasstes Gebiet. Eine Vielzahl unterschiedlicher Ansätze und Konzepte werden zu SST gezählt. Entsprechende Studien sind weit verteilt über verschiedenste Technologien, Innovationsprozesse und Einsatzgebiete (Russell und Williams 2002, S. 35). MacKenzie und Wajcman haben in ihrem Buch daher auch keine neue Theorie entwickelt, sondern Studien zusammengetragen, die sich mit der gegenseitigen Beeinflussung von Technologie und Gesellschaft beschäftigen und dies Social Shaping of Technology genannt. Dies war als Kritik zum vorherrschenden Technologiedeterminismus und linearen Modellen zur Innovation in den 80er Jahren zu verstehen.
 

1.1.1 Technologiedeterminismus: besagt, dass sich Technologie entweder durch wissenschaftlichen Fortschritt oder einfach aus sich selbst heraus, einer ganz eigenen autonomen Logik folgend, verändert. Technologie steht damit als eigene Entität außerhalb der Gesellschaft und beeinflusst diese nur einseitig. (MacKenzie und Wajcman 1999, S. 3)

1.1.2 Social: Der Duden definiert gesellschaftlich als

die politischen, wirtschaftlichen, sozialen Verhältnisse einer Gesellschaft betreffend

Diese Definition ist für den Kontext des SST auch passend. Wichtig ist, dass SST nicht nur die sozialen Verhältnisse, sondern auch wirtschaftliche / ökonomische und staatliche / politische Verhältnisse betrachtet werden. (MacKenzie und Wajcman 1999, S. 13-16)

1.1.3 Shaping: Der Duden definiert gestalten als

einer Sache eine bestimmte Form, ein bestimmtes Aussehen geben

Dies trifft es für den Kontext des SST nicht. Shaping darf nicht ausschließlich als einseitiges und bewusstes formen der Technologie verstanden werden. Gemeint ist hier ein mutual-shaping, also gegenseitiges formen (MacKenzie und Wajcman 1999, S. 23-24). Es gibt keinen dominante Kraft im Shaping-Prozess. Es ist vielmehr ein Prozess, der von allen Beteiligten angetrieben wird. Das Ergebnis muss durch die vielfältigen Interaktions- und Entscheidungsmöglichkeiten nicht einmal widerspiegeln was die Beteiligten exakt wollten. (MacKenzie und Wajcman 1999, S. 16-17)

1.1.4 Technology: Unter Technologie sind nicht nur physische Objekte und Artefakte zu verstehen sondern weiter gefasst auch Aktivitäten und Prozesse sowie Wissen. (Bijker et al. 2012, S.3-4) (MacKenzie und Wajcman 1999)

 
1.2 Zentrale Konzepte
In seiner weitesten Auffassung fallen somit alle Ansätze, die einem linearen Zusammenhang zwischen Technologie und Gesellschaft (wie zum Beispiel der Technologiedeterminismus oder das lineare Modell der Innovation) widersprechen, in den Bereich des SST. Nichtsdestotrotz lassen sich aus der Vielzahl an Fallstudien aus den unterschiedlichsten Bereichen einige Kernkonzepte ableiten.

 
1.2.1 Choices
Zu jeder Zeit im Entstehungs- oder Innovationsprozess von Technologien können Entscheidungen zwischen verschiedenen Optionen getroffen werden. Dies müssen nicht einmal bewusste Entscheidungen sein. Neben technischen Faktoren spielen vor allem gesellschaftliche Faktoren bei der Auswahl der Optionen eine Rolle. Jede Entscheidung beeinflusst die spätere Umsetzung einer Technologie und damit auch deren gesellschaftlichen Einfluss. Durch jede bewusste oder unbewusste Entscheidung werden aber auch neue gesellschaftliche Möglichkeiten eröffnet oder auch verschlossen. SST setzt sich zum Ziel die möglichen Entscheidungswege auszuformulieren und somit die gesellschaftlichen Einflüsse und ihre Auswirkungen analysieren zu können (Williams und Edge 1996, S. 866-867). Diese wird durch die Auffassung von SST erleichtert, dass Technologie und Gesellschaft ineinander greifen und daher als eine Einheit für Analysen betrachtet werden kann (Yoshinaka et al. 2003, S.118-119). (MacKenzie und Wajcman 1999, S. 4)

1.2.2 Negotiability
SST legt den Fokus auf die Verhandelbarkeit von Technologien in dem Sinne, dass Artefakte im Entstehungs- oder Innovationsprozess durch einem komplexen Interaktionsprozess einer heterogenen Personengruppe entstehen, anstatt durch eine verantwortliche Person. Jede beteiligte Person kann dabei eine anderes Verständnis von der Technologie und ihrem späteren Nutzen haben, ebenso kann sie unterschiedliche Kompetenzen und Erfahrungen mitbringen. Zwischen den beteiligten Personen kann es eine Vielzahl unterschiedlicher Beziehungen geben. Diese komplexen Interaktionsprozesse führen zu Unsicherheiten bei der Entwicklung und können den Prozess verlangsamen oder sogar zum Fehlschlag führen. (Williams 1996, S. 861) (Williams und Edge 1996, S. 867)

1.2.3 Irreversibility
Irreversibility geht auf das Problem ein, dass getroffene Entscheidungen andere Entscheidungen vorwegnehmen, ausschließen oder die Umentscheidung verhindern können. (Williams und Edge 1996, S.867)

1.2.4 Closure (the emergence of stability)
Unter closure versteht man den Prozess der Einigung, innerhalb der heterogenen Gruppe, darüber wie die Technologie am Ende aussehen soll. Aus allen vorhandenen Möglichkeiten nähert man sich nach und nach in einer Phase von Konflikten und Verhandlungen einer stabilen Vorstellung an. Dies muss nicht einstimmig geschehen oder kann unter Umständen auch nie vollständig erreicht werden. Es reicht auch, dass sich eine dominante Vorstellung herausbildet die nicht von allen geteilt wird. (Russell und Williams 2002, S. 108, 111)

 

Zu den Grundideen hinter SST zählen somit (siehe Abb. 1):

  • Technologie wird als Teil der Gesellschaft verstanden, nicht als völlig losgelöste Entität
  • Technologie wird durch gesellschaftliche Faktoren geformt
  • Technologie ist während der Design und Innovationsphasen offen für Ideen und Änderungen von außen
  • Technologie und Gesellschaft beeinflussen sich gegenseitig


Abb. 1: Beziehung Technologie und Gesellschaft

1.3 Differenzierung
Wie bereits erwähnt vereint SST eine breite Palette an unterschiedlichen Forschungsansätzen. Ein herausstehendes Unterscheidungsmerkmal stellt der gewählt Fokus dar. Es lassen sich Makro-, Meso- und Mikro-Studien unterscheiden. Je nach Autor finden sich in der Literatur unterschiedliche Begriffe
für diese Ebenen (z.B. sociotechnical landscape, regime und niche) (Russell und Williams 2002, S. 58-61). Auf Makro-Ebene werden Beziehungen zwischen Technologien und ökonomischen oder politischen Interessen (wie zum Beispiel soziale Gruppen, Geschlecht oder Herkunft) im großen Maßstab untersucht. Auf Mikro-Ebene werden Beziehungen zwischen einzelnen Personen oder Kleingruppen und Technologie untersucht. Sowohl Makro- als auch Mikro-Studien nähern sich aber zunehmend aneinander an indem sie versuchen Schlüsse auf fein- bzw. grobgranularere Beziehungen zu ziehen und treffen sich damit auf der Meso-Ebene. Die Studien lassen sich allerdings keineswegs auf der Meso-Ebene vermischen. Unter anderem durch die unterschiedlichen Forschungsfokusse, einbezogenen Gruppen oder das methodische Vorgehen durch die Vielzahl an Entscheidungsmöglichkeiten im Entwicklungs-/Innovationsprozess kommt man oft zu unterschiedlichen Ergebnissen. (Williams und Edge 1996, S.889-890)
Auf Mikro-Ebene von SST lassen sich zum Beispiel die Theorien Social Construction of Technology (SCOT) oder Actor-Network Theory (ANT) einordnen. Im Vergleich zu SST sind diese Theorien detaillierter und können auf ein ausformuliertes Framework an definierten Konzepten zurückgreifen.
 
SCOT legt den Fokus auf die sogenannte imperative flexibility von Technologie. Damit ist gemeint, dass verschiedene soziale Gruppen, die mit der Technologie zu tun haben, völlig unterschiedliche Vorstellungen von deren Eigenschaften haben können (MacKenzie und Wajcman 1999, S. 21-22). Diese sozialen Gruppen formen nach SCOT die Technologie und nicht so sehr Nachfrage, externe Wirtschaftsfaktoren oder technologische Möglichkeiten. Die technologische Entwicklung / der Innovationsprozess findet demnach als Verhandlungsprozess zwischen den Akteuren dieser Gruppen statt und gilt als abgeschlossen sowie die getroffenen Entscheidungen von einflussreichen Akteuren akzeptiert werden. (Olsen und Engen 2007, S. 458)
 
ANT zeichnet sich dadurch aus, dass die Technologie als ein in der Entstehung befindliches Netzwerk aufgefasst wird, dass sich nach und nach stabilisiert, je genauer die Technologie ausgeformt wird (Russell und Williams 2002, S.38-39). In diesem Netzwerk stehen sowohl menschliche und nicht-menschliche Entitäten als heterogene Akteure zueinander in Beziehung. Zwischen allen Akteuren herrscht eine Symmetrie, das heißt es gibt keine vordefinierte Unterscheidung zwischen ihnen. Unterschieden werden die Akteure dann durch die Relationen im Netzwerk. (MacKenzie und Wajcman 1999, S. 23-24)

 

Anwendungsbeispiele: 

2 Anwendungsbeispiele zur Theorie Social Shaping of Technology (SST) im Kontext der Wirtschaftsinformatik

2.1 Re-conceptualising failure: social shaping meets IS research

Das Scheitern eines Projekts wird als Failure bezeichnet. Doch findet sich bislang in der Literatur keine einheitliche Definition für diesen Begriff. Bei der Implementierung einer Care Planning Funktion innerhalb des Zenith Nurse Management Systems und deren Beziehung zu den Endbenutzern des Eldersite Krankenhauses in Nordengland, wird der Begriff Failure erneut beleuchtet. (Howcroft & Light, 2010, S.240)

Der soziale und organisatorische Kontext lässt sich mit Hilfe der Social Shaping Theorie (SST) hervorheben (siehe Kapitel 1.1 Definitionen). Diese beobachtete Beziehung zwischen Technologie und Gesellschaft, soll den Grad zwischen Success und Failure in Anbetracht der Zeit demonstrieren, um ein besseres Verständnis für den Begriff Failure zu erhalten. (Howcroft & Light, 2010, S.236)

Empirische Datenerhebung und Unternehmensbackground

In den zehn Monaten der Untersuchung wurden verschiedene Verfahren zur Sammlung von Daten genutzt: vor allem jedoch deskriptiv, mit semi-strukturierten, aufgenommenen, individuellen und zeitintensiven Interviews. Ferner flossen Berichte, E-Mail Korrespondenz, informelle Evaluierungen des NIS (Nursing Information System) als auch die Analyse von Textdokumenten und dem IS Training mit ein. Es gab zwei Hauptgruppen (Relevant Social Groups): Sponsoren (vier Personen, die in die NIS Implementierung involviert waren) und Endbenutzer (Krankenschwestern auf 1/3 der Krankenstationen). (Howcroft & Light, 2010, S.240-241)

Während der Implementierungsphase des Systems gab es Höhen und Tiefen. Das neue System sollte handgeschriebene Notizen (Kardex System) ersetzen. In der Designphase war kein Endbenutzer involviert. Es wurden jedoch ehemalige Krankenschwestern ins Projektteam geholt und es wurden viele Ressourcen für Support Mechanismen während der Implementierung aufgebracht. Einige Endbenutzer sollten als Repräsentanten für das neue System agieren und erhielten Trainings. Diese Trainings wurden allerdings von vielen als mangelhaft bezeichnet. In Benefits Realisation Sessions wurden die angeblichen Vorteile des Systems aus Seite des Projektteams erörtert. Die Erwartungen an das System wurden aus der Perspektive der Krankenschwestern nicht erfüllt. Anerkannt wurde diese negative Meinung allerdings erst kurz vor dem Zeitpunkt, an dem das Projekt von den Sponsoren fallengelassen wurde. Es folgten ein Workshop (in dem das Scheitern des Projekts zugegeben wurde) und ein Sign Off Bericht. Als Gründe wurden in dem Bericht genannt: nicht benutzerfreundlich, nicht robust, Softwarefehler und nicht rechtzeitige Lieferung von Funktionen. (Howcroft & Light, 2010, S.241-243)

Datenanalyse

Um den Nutzen der SST-Herangehensweise hervorzuheben, werden deskriptive und kausale Faktoren auf das Anwendungsbeispiel angewendet. Diese Faktoren lassen sich, aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, nicht nur als Failure darstellen, sondern können beispielsweise auch als Success interpretiert werden. Dualismus ist möglich, wird jedoch im Laufe der Zeit von einem der beiden Faktoren dominiert. (Howcroft & Light, 2010, S.243)

Für die Datenanalyse werden diverse Attribute aus der bekannten IS Literatur im Kontext des Social Shapings entnommen und angewendet. Diese Attribute werden im Folgenden analysiert und dargestellt:

Interpretative Flexibility of Failure and Success

Obwohl das System seit Installationsbeginn auf den Krankenhausstationen bei der Mehrheit der Endbenutzer unbeliebt war, fassten die Sponsoren Einwände der Krankenschwestern nicht als Scheitern des Systems auf, sondern als Unvermögen der Krankenschwestern die Vorteile des Systems zu erkennen. Erst in dem Sign Off Bericht wurde das System offiziell als Misserfolg beschrieben. Ohne den Widerstand der Endbenutzer, hätte das Zenith System möglicherweise erfolgreich umgesetzt werden können. (Howcroft & Light, 2010, S.243-244)

Stabilisation and Irreversibility

Damit sich eine Technologie etablieren kann, müssen die relevant-sozialen Gruppen (RSG) erst einmal überzeugt werden das technische System zu adoptieren. In diesem Fall handelte es sich um ein automatisiertes Care Planning System. Es gab jedoch eine Alternative zu dem neuen System, das bereits verwendete, manuelle Kardex System. Dies und weitere Faktoren führten dazu, dass inoffiziell das alte Kardex System bevorzugt wurde. Einem Bericht zufolge erhielten drei Monate vor dem Scheitern des Projekts noch immer 55% der Patienten keinen Pflegeplan vom System. Letzten Endes war die Technologie nicht irreversibel, da man zu dem alten Verfahren zurückkehrte. (Howcroft & Light, 2010, S.244-245)

Translation

Entscheidend für Stabilität ist die Fähigkeit andere Interessen auf seine eigenen zu übertragen. In dem Anwendungsbeispiel wurden die Interessen der Endbenutzer und die der Sponsoren als gleich betitelt. Das Bedürfnis der Krankenschwestern, die Qualität der Patientenpflege zu verbessern, wurde nicht erfolgreich umgesetzt und somit lehnten viele Krankenschwestern das System ab. (Howcroft & Light, 2010, S.245)

Persuasion

Vorab, im Evaluierungsprozess und in den Sessions, welche die Vorteile des Systems erfassen sollten (Benefits Realisation Sessions), wurden Überredungskünste bei den Endbenutzern angewendet. Evaluierungen können somit auf diese Weise einen möglichen Flop verhindern. Die formale Evaluierung stellt eine politische Ressource dar, da die organisatorischen Vorteile des Systems insbesondere von Führungsinteresse sind. So stehen die Sichtweisen gewisser Gruppen über denen anderer. Dies hat zur Folge, dass Endbenutzer überzeugt werden müssen, es sei in ihrem eigenen Interesse das System zu nutzen. Im Gegensatz dazu wurde mit Hilfe des Sign Off Berichts zum Aufgeben des Systems ermutigt. (Howcroft & Light, 2010, S.245-246)

Legitimacy and Power

In dem Anwendungsbeispiel wurde organisatorische Macht dazu genutzt, um eine bestimmte Perspektive zu legitimieren. Hierarchie und Autorität spielten eine entscheidende Rolle. Obwohl bereits viele Endbenutzer das System über einen längeren Zeitraum ablehnten, wurde das Projekt erst als Misserfolg betitelt, als es keine Verfechter mehr im Projektteam und dem Management gab. Die organisierten Workshops dienten der Legitimierung von Problemen mit dem System. (Howcroft & Light, 2010, S.246)

Beurteilung und Einschränkung der Ergebnisse

Aus dem Anwendungsbeispiel geht hervor, wie verschiedene Kriterien dazu führen, dass Failure nach Bedarf entsteht. So kann ein Informationssystem einerseits als Success und andererseits als Failure von unterschiedlichen Gruppen zu einer bestimmten Zeit angesehen werden. Diese Auffassung lässt sich über die Zeit ggf. korrigieren. Dass ein System positiv oder negativ betrachtet wird, hängt von Faktoren ab, die weit über dieses technische System hinausgehen. Eine wichtige Rolle spielt auch der politische Aspekt. So können beispielsweise formale Evaluierungen als politische Ressource dienen, oder die Rolle der Macht innerhalb der hierarchischen Struktur eines Unternehmens für legitimierte Sichtweisen sorgen. Es wird noch einmal auf die in der Datenanalyse verwendeten Kriterien eingegangen.  

SST ist eine explizite, aber weite Herangehensweise, um Technologie besser zu begreifen. Im Rahmen dieser Fallstudie konnte daher nur ein kleiner Bereich dieser Theorie beleuchtet werden. Das Anwendungsbeispiel wurde linear dargestellt, jedoch handelt es sich genau genommen um ein wesentlich komplexeres Gebilde, indem individuelle Wahrnehmungen von Success/Failure wechselten, sobald Gruppenmitglieder die Meinung anderer Mitglieder übernahmen. (Howcroft & Light, 2010, S.246-248)

2.2 The Social Shaping of Packaged Software Selection     

In der Software Industrie liegt der Schwerpunkt mehr in der Entwicklung von Produkten (Standardsoftware) als in der Entwicklung von Systemen. Ein generisches Produkt lässt sich besser an einen großen Kundenstamm verkaufen. Viele Kunden implementieren Standardsoftware, weil ihnen die technischen- oder finanziellen Mittel fehlen, um ein kundenspezifisches System zu entwickeln. (Wilson & Howcroft, 2002, S. 126-128)

In dieser Studie wird ein theoretisches Framework aufgestellt, was zum Verständnis eines Auswahlprozesses für standardisierte Software Pakete beitragen soll. Es wird verdeutlicht, wie Social Shaping diesen Prozess beeinflusst (siehe Kapitel 1.1 Definitionen). Ein Entscheidungsprozess ist nie simpel, sondern erschließt sich durch diverse Parameter (z.B. politische-, soziale-, wirtschaftliche-, organisatorische Faktoren). (Wilson & Howcroft, 2002, S. 122-123)

Empirische Datenerhebung und Unternehmensbackground

Bei dem Anwendungsbeispiel wird nach einer interpretierenden Methode vorgegangen. Über einen Zeitraum von zwei Jahren wurde auf wöchentlicher Basis ein kleineres Unternehmen in seiner Projektphase begleitet. Der Fokus dieser Studie liegt auf der Implementierung eines Client Tracking Projekts, das zur Unterstützung der Unternehmensdienstleistung eingesetzt werden sollte. Obwohl die Feldforschung linear aufgebaut wurde, heben sich die Eigenschaften Flexibilität und Improvisation im Projekt hervor. Die Sammlung von Daten und die Datenanalyse wurden gleichzeitig durchgeführt. Es wurden qualitative Daten erhoben, die unstrukturierte, semi-strukturierte Interviews (in der Summe 121 Interviews), Beobachtung und Dokumentenbewertung (z.B. Email Korrespondenz, Projektdokumentation, Company Newsletter) einschlossen. Relevante Gruppen bestanden aus unterschiedlichen, vertikalen Ebenen (z.B. Senior Manager, Sekretärinnen, externen Consultants etc.). Somit wurde versucht multiple Perspektiven in die Analyse einfließen zu lassen und den Interaktionsprozess zu verstehen.  (Wilson & Howcroft, 2002, S. 130-131)

Die organisatorische Struktur des Unternehmens (< 250 Angestellte) war hierarchisch strukturiert und bestand aus: (Wilson & Howcroft, 2002, S. 131)

  • Dem Managing Director, der die organisatorischen Ziele diktiert
  • Dem Board of Directors, die das Senior Management repräsentieren (zu dem auch der Managing Director gehört)
  • Einem Sales and Marketing Department, das sich mit Akquise beschäftigt und Kundenbeziehungen verwaltet
  • Einem Research Department, das die Kunden bei der Suche nach Beschäftigung unterstützt
  • Externe Consultants (auf selbstständiger Basis), die als Mentoren für die Kunden fungieren

Das Projekt sollte zu Beginn in dem Research Department kundenspezifisch implementiert werden, um den Kundenprozess zu optimieren (offizielle Begründung) als auch die externen Consultants bei ihrer Arbeit zu kontrollieren (inoffizielle Begründung). Es gab geringes Bestreben die Endbenutzer an dem Projekt zu beteiligen. Anforderungsdokumente, die zur Evaluierung verwendet wurden, waren zu unspezifisch. Insgesamt wurden fünf Anbieter selektiert, wovon zwei Anbieter das gleiche System anboten. Einer der Anbieter überzeugte das Management bei der Präsentation und erhielt den Auftrag. Letzten Endes wurde sich auf eine Standardversion geeinigt (eine individuelle Lösung war keine Option mehr) und diese implementiert. Doch Anstelle der Implementation im Research Department, sollte das Projekt zuerst im Sales und Marketing Department implementiert werden, mit der Begründung des Anbieters, dass die Implementierung im Research Department am kompliziertesten sei und dass die bereitgestellten Funktionen des Systems am besten auf das Sales and Marketing Department zugeschnitten seien. Ein technischer Consultant hielt einen Workflow Day, an dem Repräsentanten des Departments teilnahmen. Nachdem sich herauskristallisierte, dass der Consultant eine Vanilla Implementierung (keine Modifizierungen am System) beabsichtigte, führte dies zu Spannungen bei den Repräsentanten. Die Belegschaft teilte ihr Bedenken im Hinblick auf das zu implementierende System mit, wurde aber in internen Meetings vom Managing Director zur Adoption überredet. Zeitliche Aufschübe und falsche Startzeitpunkte bei der Implementierung führten mehr und mehr zur Demotivation der Endbenutzer. (Wilson & Howcroft, 2002, S. 132-136)

Datenanalyse

Zur Analyse des Auswahlprozesses von Software Paketen, wurde ein theoretisches Framework angewendet, welches auf einem SCOT-Ansatz aufbaut (Abb. 2). Kernaspekte der SCOT-Theorie sind: Relevant Social Groups, Interpretative Flexibility und Stabilization (siehe Kapitel 1.3 Differenzierung, Social Construction of Technology (SCOT)). Ein Kritikpunkt bei SCOT ist, dass diese Herangehensweise dazu tendiert politische und wirtschaftliche Einflüsse zu vernachlässigen. Daher wird in der Studie über die Sicht der Kundenorganisation hinaus auch das Umfeld in die Betrachtungsweise miteinbezogen. Daher fließen auch äußere Faktoren wie Sales Consultants und die Industrie von Software Paketen in die Analyse mitein. Diese Gruppen sind insbesondere bestrebt mit ihren Verkaufsstrategien ihr Business zu sichern. So wurde der imponierte Managing Director beispielsweise selbst zum Produktverfechter, der seine Autorität zur Stärkung eigener Interessen gebrauchte. Probleme und Lösungen wurden unterschiedlich wahrgenommen (Interpretative Flexibility). Senior Manager betrachteten dabei den potenziell höheren Marktanteil und den erwirtschaftbaren Profit, während involvierte Gruppen zum Beispiel den Schwerpunkt auf zeitreduzierende Tätigkeiten setzten. Der Kostenfaktor fluktuierte während des Projekts. Die geringeren Kosten der Standardsoftware wurden gegenüber einer kundenspezifischen Lösung bevorzugt, allerdings erhielt letztlich ein wesentlich teurer Anbieter den Projektauftrag. Nicht allein die Funktionalität war entscheidend, sondern auch der anschließend angebotene technische Support. Support kann demnach die zukünftige Entwicklung gestalten. (Wilson & Howcroft, 2002, S. 136-140)

Persuasion beschreibt einen weiteren Punkt in der Entwicklung von technischen Systemen. So müssen Anbieter ihre potenziellen Kunden von ihrem Produkt überzeugen. In der Studie ist dies erfolgreich umgesetzt worden, indem der Sales Consultant den Managing Director überzeugte statt einer individuellen Lösung auf Standardsoftware zurückzugreifen. Das Problem wurde umdefiniert, sodass die Technologie eine lieferbare Lösung anbot. (Wilson & Howcroft, 2002, S. 140)

Das Framework hebt drei Phasen bei der Auswahl von Software Paketen hervor: Sammeln von Anforderungen, Evaluierung und Auswahlentscheidung (Abb. 2). Diese Phasen können sich überlappen, sich wiederholen oder entfallen. (Wilson & Howcroft, 2002, S. 140)

Abb. 2: A Framework for Packaged Software Selection. (In Anlehnung an Wilson & Howcroft, 2002, S. 136)

Sammeln von Anforderungen

Neben den bereits gesammelten Anforderungen ergaben sich durch den iterativen Prozess stets neue Anforderungen, die teilweise mit anderen Anforderungen konkurrierten (aufgrund der unterschiedlichen Interessengruppen). Die unterschiedlichen Anforderungen führten dazu, dass man versuchte mit Überredung das Projekt in die Richtung zu lenken, die der Perspektive des Managements entsprach. Der technische Consultant wiederum versuchte die Endbenutzer am Workflow Day von seiner Vanilla Implementation (unangepasste Standardversion) zu überzeugen. Trotz der Bedenken der Endbenutzer, die sich daraus ergaben, wurde das System genauso umgesetzt, da der Managing Director zum Produktverfechter aufstieg und seine eigenen Interessen verfolgte. Den Endbenutzern blieb nur noch die Möglichkeit das System zu adoptieren oder abzulehnen. (Wilson & Howcroft, 2002, S. 141)

Evaluierung des Auswahlprozesses

 Es wurden zwar verschiedene Maßstäbe zur Evaluierung verwendet, doch ihr Wert veränderte sich im Laufe des Projekts (je nachdem, ob die eigenen Ansichten hierbei vertreten wurden). Im Allgemeinen waren die Anforderungsdokumente zu unspezifisch (Beispiele: exzellenter technischer Support oder reduzierende Zeitspannen). Sofern ein Evaluierungsprozess existiert, kann dieser Einfluss auf die Paketauswahl haben, muss aber nicht zwingend zur Entscheidung bei der Auswahl des Paketes beitragen. Die Auswahlmöglichkeiten eines kleineren Unternehmens können geringer sein, als die eines großen Unternehmens. Zwei der fünf Anbieter lehnten einen potenziellen Auftrag des Unternehmens direkt oder indirekt ab. Die Motivation der Anbieter könnte bei einem großen Unternehmen höher liegen. Persönliche Kriterien fließen in den Evaluationsprozess mit ein (Beispiel: Der Managing Director wurde zum absoluten Verfechter nach dessen Produktüberzeugung). Dies steht in Kontrast zu einer rationalen, objektiven Evaluierung. (Wilson & Howcroft, 2002, S. 141)

Entscheidung des Auswahlprozesses

Eine Entscheidung sollte zwar auf den beiden vorherigen Phasen (Anforderungen und Evaluierung) beruhen, kann aber ohne eine formelle Evaluierung erfolgen bzw. zu weiteren Anforderungen und Evaluierungen führen. Der Anbieter mit der besten Angebotspräsentation erhielt den Projektauftrag (obwohl dieser vergleichsweise teurer war als sein Konkurrent mit dem gleichen System). Nach der Entscheidung kam es zum Stillstand des Projekts, was im Umkehrschluss bedeutet, dass eine Entscheidung keine Implementierungsgarantie darstellt. (Wilson & Howcroft, 2002, S. 141-142)

Beurteilung und Einschränkung der Ergebnisse

Der Aufschwung von Software Paketen in den 90er Jahren führte dazu, dass Organisationen sich immer mehr an der Auswahl, dem Kauf und der Adoption dieser Produkte beteiligten. Ein Großteil des Verständnisses beruht auf der dominierenden IS Literatur, weshalb es der Hauptbeitrag war den Prozess anhand der kritischen Literatur besser begreifen zu können. Software Pakete können von sozialen Akteuren bzw. Gruppen unterschiedlich aufgefasst werden. Diese Gruppen variieren in der Fähigkeit zu dominieren und nicht alle Perspektiven erhalten die gleiche Gewichtung. Autorität bezieht sich häufig auf die strukturelle Position und Macht wird meist zu Zeitpunkten eingesetzt, wenn gegensätzliche Perspektiven unterdrückt werden sollen.  So kann vermeintliche Einigkeit erwirkt werden. Die politische Perspektive basiert auf einem strukturellen Einfluss. (Wilson & Howcroft, 2002, S. 142)

Über den organisatorischen Kontext hinaus betrachtet, spielen auch Marktkräfte eine Rolle in der Beeinflussung des Auswahlprozesses. Das Aufgebot an sozial-involvierten Akteuren, wie Softwareanbieter, IT Consultants oder Industrie Analytiker, können Einfluss auf diesen Prozess nehmen. Verhandlungsprozesse mit Anbietern könnten sich aufgrund der Größe des Unternehmens voneinander unterscheiden. (Wilson & Howcroft, 2002, S. 142)

Obwohl das Anwendungsbeispiel nur auf eine Organisation beschränkt wurde, gewinnen diese Studien immer mehr an Rechtsmäßigkeit. (Wilson & Howcroft, 2002, S. 142)

2.3 Gegenüberstellung der genannten Anwendungsbeispiele

Im Folgenden werden die beiden Studien in Tabelle 1 gegenübergestellt.

Tabelle 1: Gegenüberstellung der Anwendungsbeispiele

 

Re-conceptualising failure: social shaping meets IS research (Howcroft & Light, 2010)

The Social Shaping of Packaged Software Selection (Wilson & Howcroft, 2002)

Data Collection

Interviews (semi-strukturiert), Dokumente, Berichte, Korrespondenz, Beobachtung

Interviews, Beobachtung, Korrespondenz, Newsletter, Dokumente, Meetings

Forschungsmethode

Qualitativ

Qualitativ

Relevant Social Groups

(RSG)

Sponsoren, Endbenutzer

Managing Director, Board of Directors, Departments (Endbenutzer), externe Consultants, Anbieter, Sales Consultants, technischer Consultant

Analyse(-tools)

Explizit: Social Shaping Kriterien (Interpretative Flexibility, Persuasion, Stabilisation, Power, etc.)

Explizit: techn. Framework (SCOT)

Explizit/Implizit: Social Shaping Kriterien (Persuasion, Power, etc.)

Beleuchtete Faktoren

  • Politisch
  • Sozial
  • Organisatorisch /strukturell
  • Macht (Hierarchie)
  • Politisch
  • Sozial
  • Wirtschaftlich
  • Organisatorisch / strukturell
  • Macht (Hierarchie)
  • Markteinfluss (extern)

 

2.4 Weitere Anwendungsbeispiele im Kontext der WI

Weitere Anwendungsbeispiele aus der Wirtschaftsinformatik, die eine Social Shaping of Technology Perspektive verwenden, werden in Tabelle 2 aufgelistet.

Tabelle 2: Anwendungsbeispiele aus der WI

Bereich

Beispiel-Artikel

Automobilbranche

Social shaping & standardization: a case study from auto industry (Bunduchi, Williams, Gerst, 2014)

ERP Systeme

The Evolution of ERP Closure: Insights from the Social Shaping View of Technology (Ju & Wang, 2010)

Finanzwesen

Financial Inter-Organizational System Diffusion in Taiwan’s Fund Management Industry: A Social Shaping of Technology Perspective (Lin & Hsu, 2010)

Öffentlicher Sektor

Shaping Local Open Data Initiatives: Politics and Implications (Lassinantti, Bergvall-Kareborn, & Stahlbröst, 2014)

 

3 Literaturverzeichnis

Bücher, Zeitschriften und Paper

Bijker, W. E., Hughes, T. P., Pinch, T. und Douglas, D. G. (2012). „The social construction of technological systems: New directions in the sociology and history of technology“. MIT press.

Bunduchi, R., Williams, R., Gerst, M. (2014) Social Shaping & Standardization: A Case Study from Auto Industry. 47th Hawaii International Conference on System Sciences, vol. 07, no. , pp. 204a, 2005, doi:10.1109/HICSS.2005.547

Howcroft, D., & Light, B. (2010). The social shaping of packaged software selection. In Journal of the Association for Information Systems. 11(3), 122-148.

Ju, P.-H., & Wang, E. T. (2010). The Evolution of ERP Closure: Insights from the Social Shaping View of Technology. HICSS '10 Proceedings of the 2010 43rd Hawaii International Conference on System Sciences (pp. 1-10). Washington, DC: IEE Computer Society.

Lassinantti, J., Bergvall-Kareborn, B., & Stahlbröst, A. (2014). Shaping Local Open Data Initiatives: Politics and Implications. ournal of Theoretical and Applied Electronic Commerce Research, 9(2), 17-33.

Lin, Y. & Hsu, C. (2010) Financial Inter-Organizational System Diffusion in Taiwan’s Fund Management Industry: A Social Shaping of Technology Perspective. PACIS 2010 Proceedings. Paper 141.

MacKenzie, D. und Wajcman, J. (1999). The Social Shaping of Technology. Open University Press. 480 Seiten.

Olsen, O. E. und Engen, O. A. (2007). „Technological change as a trade-off between social construction and technological paradigms“. In: Technology in Society 29.4, S. 456–468.

Russell, S. und Williams, R. (2002). „Social shaping of technology: frameworks, findings and implications for policy with glossary of social shaping concepts“. In: Shaping technology, guiding policy: Concepts, spaces and tools, S. 37–132.

Williams, R. (1996). „The social shaping of information and communications technologies“. In: Research Policy, S. 856–899.

Williams, R. und Edge, D. (1996). „The social shaping of technology“. In: Research policy 25.6, S. 865–899.

Wilson, M., & Howcroft, D. (2002). Re-conceptualising failure: Social shaping meets IS research. European Journal of Information Systems, 11(4), 236-250.

Yoshinaka, Y., Clausen, C. und Hansen, A. (2003). „The Social Shaping of Technology: A New Space for Politics?“ In: Technikgestaltung zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Springer, S. 117–137.