Anwendung der Theorie zur Informationsverarbeitung auf BPMN-2.0-Kollaborationsdiagramme - Aspekte von Green IS im Kontext der Prozessmodellierung

Theorie

Die Informationsverarbeitungstheorie, entwickelt von George A. Miller im Jahr 1956, findet seinen Ursprung in der Psychologie und den Neurowissenschaften. Angewendet wird sie vor allem im Bereich der kognitiven Psychologie. Grundlage der Theorie ist die Trennung des Sinnesgedächtnisses, des Kurzzeit- bzw. Arbeitsgedächtnisses und des Langzeitgedächtnisses. [2] [3]

Darstellung des Informationsporzesses
Abb.1: Der Informationsverarbeitungsprozess [Vgl. 7]
 

Die Abbildung 1 verdeutlicht den Prozess der Informationsverarbeitung. Es wird angenommen, dass ein Mensch nicht nur auf Reize reagiert, sondern diese im Sinnesgedächtnis wahrnimmt und die Information anschließend im Arbeitsgedächtnis verarbeitet. Prämisse hierbei ist, dass die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses limitiert ist. Es können lediglich 7 +/- 2 Informationen verarbeitet werden. [2] [4] Durch die Verwendung verschiedener Strategien zur Informationsverarbeitung und den Abruf von Informationen aus dem Langzeitgedächtnis ist es möglich die Information zu verarbeiten und im Langzeitgedächtnis zu speichern. Eine im Langzeitgedächtnis gespeicherte Information kann jederzeit wieder abgerufen werden. Strategien zur Informationsverarbeitung sind z.B. Chunking, Visualisierung oder Mustererkennung. Vor allem das Chunking ist ein zentraler Aspekt der Theorie. Chunking meint das Zusammenfassen von Informationen. Ein Chunk kann mehrere Infomrationen beinhalten. Die Anzahl der Information hängt dabei vom Vorwissen der jewiligen Person ab. [8]

Um sich die Informationsverarbeitung des Menschen besser vorstellen zu können, zieht die Theorie Parallelen zu der Informationsverarbeitung eines Computers. Die Abbildung 2 stellt diese Analogie dar [6] [2].

Analogie zum Computer
Abb 2. Computer Analogie [9]

Zentrale Aussagen der Theorie

Zusammengefasst können folgende Aussagen getroffen werden:

  1. Die Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses ist auf 7 +/- 2 Chunks begrenzt [2].
  2. Ein Chunk fasst mehrere Einheiten zusammen. Die Anzahl der Elemente hängt vom bereits vorhandenen Wissen ab [5].
  3. Erst durch vertiefendes Wiederholen gelangt eine Information in das Langzeitgedächtnis [1].

Posterdatei

Kollaborationsdiagramm im Blickfeld von Green IS

Folgend werden zu den jeweiligen zentralen Aussagen der Theorie Handlungsempfehlungen, unter der Berücksichtigung von Green IS, vorgestellt.

Die Einführung neuer Symbole zur Darstellung von Nachhaltigkeitsaspekten sollte möglichst auf ein Minimum reduziert werden. Die Theorie besagt, dass die Kapazität des Kurzzeitgedächtnis begrenzt ist. Die Einführung mehrerer unbekannter Symbole führt zu einer erschwerten Informationsverarbeitung. Wie viele neue Symbole sinnvoll sind, ist auch abhängig vom Vorwissen des jeweiligen Nutzers. Eine Person, die Erfahrung mit der Modellierungstechnik hat, fasst einzelne Informationen im BPMN-Diagramm zu Gruppen zusammen und hat somit mehr Kapazität im Arbeitsgedächtnis für neue Symbole frei (Vgl. zentrale Aussage 1 und 2).

Generell ist es ein Ziel, das BPMN-Diagramm möglichst kompakt zu halten. Geschäftsprozesse und Arbeitsabläufe können sehr viele Schritte enthalten. Wird ein sehr komplexes und aufwendiges BPMN-Diagramm gestaltet, ist es dem Nutzer laut der Theorie nicht möglich, alle enthaltenden Schritte zu verarbeiten. Deshalb empfiehlt es sich hier den Prozess zu unterteilen, z.B. in mehrere Teilprozesse. Kompakt bedeutet im Kontext der Theorie, den Umfang des modellierten Geschäftsprozesses auf die Anzahl von 7 +/- 2 Informationen zu beschränken. Mehrere Teilinformationen können hierbei zu einer Information zusammengefasst werden (Chunking). Die Anzahl der Elemente hängt dabei wiederum vom Vorwissen des jeweiligen Nutzers ab. Die folgende Grafik verdeutlicht die Bildung von Chunks bei unterschiedlichem Vorwissen (Vgl. zentrale Aussage 1 und 2).

Bildung von Chunks
Abb. 3: Bildung von Chunks bei unterschiedlichem Vorwissen [Vgl. 5]

In der Abbildung 3 wird die Informationsverarbeitung zweier Personen miteinander verglichen. Links zeigt die Informationsverarbeitung einer Person ohne Vorkenntnisse bei der BPMN-Modellierung. Jedes Symbol wird hier als einzelne Information erkannt und im Arbeitsgedächtnis werden daher drei Informationseinheiten belegt. Rechts zeigt hingegen einer Person, die über Vorkenntnisse bei der BPMN-Modellierung verfügt. Hier werden die drei Teilinformation als eine Information wahrgenommen. Im Arbeitsgedächtnis wird daher nur eine Informationseinheit belegt.

Bei der Erweiterung von BPMN-Diagrammen muss auf die Auswahl passender Symbole geachtet werden. Neu eingeführte Symbole sollten bereits mit Nachhaltiggkeit assoziiert werden (Vgl. zentrale Aussage 2).

Das Schema des BPMN´s sollte sich möglichst wiederholen und zusätzlich eingeführte Symbole sollten immer gleich eingesetzt werden (Vgl. zentrale Aussage 3).

 

Um Aspekte von Green IS  bei der Modellierung von BPMN zu berücksichtigen, können neue Symbole eingeführt werden, die mit Nachhaltigkeit assoziiert werden. Die Informationsverarbeitungstheorie beschränkt die Einführung neuer Symbole. Es sollten möglichst wenig, effektiv gestaltete Symbole eingeführt werden. Da die Informationsverarbeitung stark vom Vorwissen des jeweiligen Nutzers abhängt, ist dies bei der Einführung neuer Symbole zu beachten.

 

 

 

 

 

Fazit

Unter Berücksichtigung von Green IS sollen die Handlungsempfehlungen genutzt werden, um BPMN-Diagramme zu erweitern. Hierbei soll die Informationsverarbeitungstheorie beachtet werden. Folgende Punkte sind zu beachten:

Die Aufnahmefähigkeit der Anzahl von Elementen im BPMN-Diagramm hängt vom Vorwissen des Nutzers ab (Chunking). Bei der Einführung neuer Symbole zur Nachhaltigkeit muss dies berücksichtigt werden.

Es sollten nur Symbole eingeführt werden, die bereits mit Nachhaltigkeit assoziiert werden. Dadurch wird die Informationsverarbeitung vereinfacht.

Da, laut der Theorie, Informationen nur durch vertiefendes Wiederholen im Langzeitgedächtnis gespeichert werden können, sollten neu eingeführte Symbole immer gleich eingesetzt werden.

 

Referenzen

Bücher, Zeitschriften, Paper:

[1] Damlachi, H.; Hohberger, S.: Performancesteigerung im Unternehmen, Springer Gabler Verlag, Wiesbaden 2017, S. 26-28.

[2] Miller, G.A.: The magical number seven, plus or minus two: Some limits on our capacity for processing information. Psychological Review, 63, 1956, S. 81-97

[3] Miller, G.A.; Galanter, E.; Pribram, K.H. : Plans and the Structure of Behavior., Holt, Rinehart & Winston,
New York 1960.

[4]Shiffrin, R. M.; Nosofsky, R. M.: Seven plus or minus two: A commentary on capacity limitations. Psychological Review, 101(2), 1994, S. 357-361.

[5] Zugal S.; Pingerra J.; Weber B. : Assessing Process Models with Cognitive Psychology, Conference Paper, 2011.                                        

Online-Quellen:

[6]McLeod, S. A. (2008). Information processing. 
https://www.simplypsychology.org/information-processing.html  Abruf am 21.12.2018.

[7]University of south Australia. Information processing.
https://lo.unisa.edu.au/mod/book/view.php?id=610988&chapterid=120209 Abruf 21.12.2018.

[8]University of Missouri-Columbia. (2008) Psychologists Demonstrate Simplicity of Working Memory.
https://www.sciencedaily.com/releases/2008/04/080423171519.htm Abruf am 21.12.2018.

[9]Turple, C. (2016). Information Processing Theory and Impact on Learning. http://cristurple.blogspot.com/2017/03/information-processing-theory-and.html Abruf am 14.03.2019